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Der lange Schatten der Lüge

Der Ablauf der Menschheitsgeschichte, wie er heute gelehrt wird, ist zum großen Teil Fiktion.

von Gerd ReutherRenate Reuther

Viele trösten sich in der Corona-Opposition mit dem Sprichwort, Lügen hätten kurze Beine. Je dreister die Unwahrheit, desto fragiler das Lügengebäude. Gerne wird der frühere amerikanische Präsident Abraham Lincoln als Referenz bemüht, demzufolge man zwar einen Teil der Bevölkerung eine Zeit lang, nie aber die ganze Bevölkerung die ganze Zeit belügen könne. Aber man kann! Seit einem halben Jahrtausend sitzen wir auf einem Zeitstrahl, dessen Länge und Rasterung pure Erfindungen sind. In unseren Gehirnen irrlichtern angeblich historische Begebenheiten und Personen, die es nie gab. Ein Ende des Spuks ist nicht in Sicht. Das Konstrukt muss nur oft und lange genug wiederholt werden, dann kommen auch Lügen mit kurzen Beinen weit.

„Corona“ ist nicht die erste weltumspannende Lüge. Es wird auch nicht die letzte bleiben. Nicht nur, weil Lügen meist ein besseres Geschäft als Fakten sind. Immer wenn sich Kräfteverhältnisse ändern, müssen neue Fakten geschaffen und die Welt uminterpretiert werden. Die gewünschte Zukunft entwickelt nur suggestiven Sog durch eine Vergangenheit und Gegenwart, die diese Vision zu präjudizieren scheinen. George Orwell hat in „1984“ formuliert: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“

Die Pandemisten haben deswegen schon 2005 das Narrativ einer mehrjährigen „Spanischen Grippe“ zum Ende des Ersten Weltkriegs geschaffen. Mit 85 Jahren Zeitverzug wurde der Nachweis von H1N1-Viren in einigen wenigen Permafrost-Leichen zum Beweis erhoben, dass weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschen an diesem Virus gestorben seien (1).

Als historische Blaupause für eine Epidemie mit aufeinanderfolgenden Krankheitswellen sollte so jeder Zweifel an dem biologisch unplausiblen Verlauf der „Covid“-Pandemie erstickt werden. Die Kranken und Toten resultierten aus Krieg, Not und schon damals aus Impfungen (2). Ein Verbrechen und Versagen der gesellschaftlichen Eliten wurde in eine vermeintliche Naturkatastrophe umgeschrieben. Damit gab es keine Verantwortlichen und keine Täter mehr.

Wir wissen nicht, wie lange diese Vergangenheitsfälschungen überdauern werden, aber die Urheber unseres jetzigen Geschichtsbildes sind damit immerhin ein halbes Jahrtausend durchgekommen. Und die Inszenierung haben seither nur wenige Einzelpersonen in Zweifel gezogen. Sicher ist aber, dass wir uns weder im Jahr 2022 im Jahres des Herrn (A.D.) befinden, noch unsere Kultur vornehmlich in einer mediterranen Antike wurzelt …

Reset in der Renaissance

Unser Bild von der Vergangenheit wurde erst zu Beginn der „Neuzeit“ fabriziert. Bis zum 16. Jahrhundert gab es keinen Fixpunkt, ab dem die Jahre übereinstimmend gezählt wurden. Das fiktive Geburtsdatum Christi war weder für die Kirche, noch eine Herrscherdynastie der Anker im Zeitstrom. In der Schedel’schen Weltchronik von 1493 nennt der Autor den Trojanischen Krieg als Referenz. Ansonsten datierte man nach Regierungszeiten. In katholischen Dokumenten begann man mit der A.D.-Zählung schrittweise nach dem Konzil von Basel 1443. In evangelischen Kirchenbüchern etablierte sich die A.D.-Zählung erst um das Jahr 1700.

Das so stabil erscheinende Gerüst der Jahreszahlen bis dahin ist rückdatiert und steht auf äußerst wackeligem Grund. Alle Lebens- und Ereignisdaten vor dem 16. Jahrhundert müssten daher in Anführungszeichen gesetzt werden.

Datierungen ohne Schwankungsbreiten sind so unwissenschaftlich wie Messwerte ohne Standardabweichung.

Es waren Mitglieder der europaweit agierenden sogenannten humanistischen Gelehrtenrepublik, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert unser jetziges Zeitraster etablierten. Der „Reset“ nannte sich damals Renaissance. Ausnahmslos Kirchenmänner ordneten die Ereignisse auf einem Zeitstrahl und sortierten Puzzleteile. Naturwissenschaftliche und historische Fakten waren dabei nicht die Richtschnur.

Dies lässt sich daran erkennen, dass der sogenannte Gregorianische Kalender, der 1582 die angeblich auf Julius Cäsar zurückgehende Jahrzählung ablöste, das zwischenzeitliche Auseinanderdriften von Jahresdauer und Sonnenzyklus nur unvollständig korrigierte. Die Wintersonnenwende am 21. Dezember und die Geburt Christi wurden ebenso wenig zur Deckung gebracht, wie das Osterfest um den Frühlingsbeginn am 21. März oszilliert.

Papst Gregor hatte gar nicht die spekulative Geburtsstunde des Heilands im Blick, sondern ein angebliches Konzil in Nikäa von 325. Das wäre dann wohl das eigentliche Jahr 1. Der dänische Astronom Tycho Brahe (1546 bis 1601) kannte die Fakten, wurde aber gezwungen, 1597 sein Observatorium aufzugeben. Kurz danach starb er in Prag unter mysteriösen Umständen. Seine exakten astronomischen Berechnungen hätten die neue Doktrin gefährdet.

Dies war nicht der einzige Sündenfall der Zeitenschöpfer. Erst in der Renaissance tauchten urplötzlich in vergleichsweise kurzer Zeit und fast ausschließlich in Klosterbibliotheken „antike“ Handschriften griechischer und römischer Gelehrter auf. In Griechenland und Rom fanden sich kaum vorgebliche Zeitzeugnisse. Antike Geistesgrößen wie Vitruv, Plautus, Tacitus, Horaz oder Galen werden erst jetzt „übersetzt“, gelesen und bekannt. Es waren wenige Bibliotheken norditalienischer, französischer und deutscher Klöster, die jahrhundertelang gar nicht festgestellt haben wollen, welche schriftlichen Schätze sie beherbergten. Die Auffindungslegenden und das meist umgehende erneute Verschwinden der Dokumente tragen stereotype Züge.

Historiker stören sich dennoch bis heute kaum an der obskuren Provenienz der meisten Dokumente aus dem Altertum und dem erst 1688 definierten „Mittelalter“.

Es gibt nahezu keine Autographen. Je älter die Dokumente sind, umso häufiger hätten sie aufgrund der Alterung und des Verfalls von Papyri und Pergamenten kopiert werden müssen. Wer hätte dies veranlasst bei Schriften, die jahrhundertelang niemanden interessierten oder als „heidnisch“ sogar hätten vernichtet werden müssen? Die Dokumente enthalten ohnehin keine Zeitangaben, die eine direkte Umrechnung in die A.D.-Zählung ermöglichen würden.

Es scheint die Geschichtswissenschaft nicht zu beunruhigen, dass bei Verträgen allzu häufig nur ein angebliches Original in kirchlichen Beständen existiert, nicht aber bei den weltlichen Vertragspartnern. Angeblich bedeutende Gestalten der Antike sind oft nur in eigenen Dokumenten präsent und ihren schreibenden Zeitgenossen unbekannt. Ihr Ruhm entwickelte sich erst nach Entdeckung durch Humanisten.

Der angeblich für 1.500 Jahre die abendländische Medizin prägende Arzt Galenos, der mehrere Kaiser und die römischen Eliten zu seinen Patienten gezählt haben soll, war seiner Zeit in Rom niemandem eine Erwähnung wert. Der hippokratische Eid wird erstmals 1518 an der Universität in Wittenberg verwendet (3). Sollte er vorher über 1.500 Jahre ignoriert worden sein?

Fiction statt Science

Lange galten nur die dreistesten Fälschungen zugunsten der Kirche als gesichert. Erst der einzige Kongress zum Thema „Fälschungen im Mittelalter“ belegte 1986 in 5 Bänden ein ganzes Konvolut von Falsifikaten. Selbst der langjährige Präsident der Monumenta Germaniae Historica, Horst Fuhrmann, erklärte, dass die Skriptorien der Klöster die Fakten umgebogen hätten „wie das Wahrheitsministerium bei George Orwell“ (4).

Mindestens 60 Prozent der angeblichen Königsdokumente aus der Merowingerzeit sind inzwischen als Fälschungen enttarnt. In den Archiven lagern wohl mehr humanistische Machwerke als erhaltenswerte Dokumente.

Gleichwohl erschütterte diese notorische Fälscherpraxis weder die Chronologen, noch die Historiker, die diese stoisch wiederholen. Wie bei „Corona“ bleiben die Narrative bestehen, ungeachtet der Tatsachen, dass die angeblichen Belege „fake“ sind. Obwohl für Jesus Christus, die Kirchenväter oder die fränkischen Könige überzeugende Belege fehlen, dass es sich um historische Personen handelt, tat es ihrer Wirkung ganz wie beim „Wuhan-Virus“ keinerlei Abbruch. Fabeln sind wichtiger als Fakten, hatte vor 300 Jahren der französische Philosoph Voltaire (1694 bis 1778) bereits ausgemacht. Geschichte sei nichts anderes als „die Lüge, auf die man sich geeinigt hat“.

Voltaire hat sich nicht nur selbst ausgiebig mit der Faktizität von Überlieferungen beschäftigt, sondern kannte auch die Erkenntnisse eines zeitgenössischen Whistleblowers der Geschichtsfestlegung. Der Jesuit Jean Hardouin (1654 bis 1729) war nicht nur einer der belesensten Menschen seiner Zeit. Als Mitglied der Aktion zur Geschichtsfestlegung hatte er jahrzehntelang freien Zugang zu einem Großteil angeblich antiker Schriften. Sein Urteil war vernichtend: Fast alles, was auf die Zeit vor 1300 datiert wurde, sei unecht (5) …

Damit verlieren auch zahlreiche für uns so selbstverständliche Ereignisse ihre Authentizität.

Weder hat Kaiser Konstantin zum Dank der katholischen Kirche die Westprovinzen des römischen Reiches geschenkt, noch hat ein Karl Martell die Araber aus Frankreich vertrieben oder wurde „Karl der Große“ in Rom zum Kaiser gekrönt.

Der 11-jährige Siegeszug eines „Alexander des Großen“ ist schon im zeitlichen Ablauf unglaubhaft. Nicht einmal der sprichwörtliche Canossa-Gang von Kaiser Heinrich IV. ist durch unbefangene Zeitzeugenberichte verbürgt. Ob es ähnliche Ereignisse zu anderer Zeit gegeben haben könnte, bleibt unserer Fantasie überlassen. Tacitus, wörtlich „der Schweigsame“, gehört mit seinem vermeintlichen Porträt der Germanen zur Römerzeit zu den plattesten Neuschöpfungen.

Unsere Geschichte ist mehr „fiction“ als „science“. Damit ist zwingend auch verknüpft, dass der vertraute Zeitstrahl zusammenschnurrt.

Von den 2.000 Jahren stehen so einige zur Disposition … In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass Kunstepochen in Italien immer noch einstellig gezählt werden: „Trecento“ für das 14. Jahrhundert. Wird uns jetzt bald eine neue Zeitrechnung „A.C.“ für “Anno Coronae“ präsentiert werden?

Welcher Unterschied besteht hinsichtlich der Wissenschaftlichkeit zwischen den Skriptorien der Klöster und unseren virologischen Labors? Die Virologie ist ebensowenig eine Wissenschaft wie die Geschichtsschreibung, wenn dort unspezifische PCR-Tests als Nachweis für bestimmte Virenarten verkauft oder Mutationen nach Bedarf der Auftraggeber identifiziert und mit klingenden Namen versehen werden. Zynisch, dass in beiden Fällen den Kritikern eine Beweislastumkehr abgefordert wird: Nicht die Schöpfer des Narrativs müssen die Faktizität unter Beweis stellen. Nein, es sind die Kritiker, die den Betrug nachweisen sollen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Taubenberger JK et al.: Characterization of the 1918 influenza virus polymerase genes. Nature 2005; 437(7060): 889–93
(2) Tolzin HUP: Die Seuchen-Erfinder. S. 207-43; Tolzin-Verlag; Schwäbisch Hall 2012
(3) Gadebusch Bondio M: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. http://www2.medizin.uni-greifswald.de/geschichte/fileadmin/user_upload/lehre/ws_2008_2009/literatur_qs2/einfuehrung_gte_2009_skript.pdf
(4) zitiert nach: Schulz M: Schwindel im Skriptorium. Der Spiegel 29/1988
(5) Hardouin J: Prolegomena zu einer Kritik der antiken Schriften. übersetzt von Rainer Schmidt; Books on Demand; Norderstedt 2021

Gerd Reuther ist Universitätsdozent und Facharzt für Radiologie. 2005 erhielt für seine Leistungen den Eugenie-und-Felix-Wachsmann-Preis der Deutschen Röntgengesellschaft. Er veröffentlichte rund 100 Beiträge in nationalen und internationalen Fachzeitschriften und -büchern sowie drei eigene Bücher, die sich kritisch mit der Medizin in Geschichte und Gegenwart auseinandersetzen. Zuletzt erschien eine europäische Medizingeschichte: „Heilung Nebensache“.

Renate Reuther ist promovierte Historikerin und Sachbuchautorin. Mit dem Buch „Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind“ stellt sie mit Forschungen zur Urweihnacht in Europa das gängige Narrativ infrage und ergänzt es um die weibliche Dimension.

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