Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Das Spiel mit der Angst

Der Lockdown ist eine Drohung — und ein Kalkül, das die Politik anwendet, um sich als Retterin zu brüsten. Ein Artikel von Roberto J. De Lapuente

Droht uns ein zweiter Lockdown? Diese Frage stellt sich der Medienbetrieb seit Wochen. Die Wirtschaft fürchtet sich davor. Auch die Bürger sind mehrheitlich dagegen. Unlängst erreichte ein Brief des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft das Kanzleramt: Es handelt sich um eine Mahnung, keinen zweiten Lockdown einzuleiten. Schon jetzt stehen unzählige Unternehmen vor der Insolvenz. Erste Kündigungswellen zeichnen sich bereits ab, Existenzen zerbrechen — und das ohne eine solche Neuauflage.

Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erklärte indes, dass ein Lockdown eine gute Chance wäre, endlich mit Corona abzuschließen. Der Mann spricht als Vertreter der Großindustrie; Kleinunternehmer halten so einen Schritt sicher nicht aus. Die Politik nimmt das zur Kenntnis, erklärt, sie würde alles tun, um einen solchen Schritt abzuwenden. Dabei ist eigentlich davon auszugehen, dass ein solcher Lockdown nicht droht. Dennoch nährt man das Schreckgespenst. Das ist politisches Kalkül.

Erinnert sich denn keiner mehr an die Umstände des ersten Lockdowns?

Weiß denn keiner mehr, warum dieser erste Lockdown ausgerufen wurde? So lange ist das alles noch gar nicht her. Die digitale Demenz scheint jedoch unerbittlich. Mal auf die Sprünge geholfen: Es hatte etwas mit den Krankenhäusern zu tun — insbesondere mit den Bildern aus Norditalien, speziell aus Bergamo.

So ein Szenario wollte man verhindern, die Kliniken sollten nicht wie dort überfüllt, die Intensivstationen nicht überlaufen sein. Die Triage war das Thema des Moments, die ärztliche Selektion für begrenzte medizinische Mittel, die unter Umständen Wirklichkeit werden könnte: Das sollte bitte nicht notwendig werden.

Man präsentierte den Bürgern eine Grafik, die so gut wie überall zu sichten war. Eine Kurve zeigte an, dass in den nächsten Wochen Millionen von Menschen am Virus erkranken könnten. Etwa 20 Prozent würden einen Krankenhausbehandlung brauchen. Das sei aber bereits zu viel, das Gesundheitssystem stehe dann vor einem Kollaps. Deswegen wurde diese Grafik in den Medien auch gerne animiert gezeigt. Dort erklärte man, was ein Lockdown bewirken könnte, indem diese Kurve abgeflacht, die drohende Situation entzerrt wurde.

Das Brachliegen des öffentlichen Lebens war also nicht einfach nur eine Maßnahme zur Ausrottung des Virus, wie wir das einige Monate später gerne verklären: Es war an die Gesundheitsversorgung gekoppelt. Der Lockdown sollte sicherstellen, dass Ärzte und Pflegekräfte nicht verheizt werden, zumal sie selbst auch erkranken würden — und er sollte garantieren, dass jeder Bürger adäquat versorgt werden kann. So weit die Theorie …

Wir haben euch davor bewahrt!

Dass es dann anders kam, wissen wir ja. Die Prognose war zu düster. Andere Prognosen wurden als Ausdruck falschen Optimismus‘ verworfen. Dennoch war jener Lockdown ein Schritt, der ein klares Ziel definierte: eben die Sicherstellung der medizinischen Versorgung.

Warum zum Henker kommt das Thema jetzt aber alle naselang aufs Tapet? Die einen fürchten sich davor, die anderen hoffen auf eine weitere Ruhephase — und wieder ganz andere glauben ernstlich, es gehe kein Weg daran vorbei. Aber warum? Weil das Gesundheitssystem kollidiert? Die Zahlen geben das nicht her. Die Krankenhäuser sind leer wie nie. Wer kann, verschiebt Operationen und Behandlungen — sei es aus Angst vor dem Virus oder weil man als Patient dieser Tage kaum oder gar keinen Besuch empfangen darf: Da überlegt man sich, ob warten nicht auch eine Option darstellt.

Die Intensivstationen behandeln im Grunde täglich weniger Covid-19-Patienten. Zuletzt (am 2. September 2020) waren es noch 228, wobei 125 beatmet wurden — bundesweit wohlgemerkt. Nur wenige Infizierte werden überhaupt hospitalisiert. Virologen erklären, dass das einerseits mit dem Durchschnittsalter der aktuell Infizierten zu tun habe, andererseits eine Mutation des Virus nicht auszuschließen sei. Außerdem wisse man heute besser medizinisch mit dem Virus umzugehen, weshalb die Behandlungsroutinen sich verbessert hätten.

Obgleich dieses Wissens:

Der Lockdown bleibt aber Thema. Und die Politik schließt ihn nicht aus — wenn überhaupt nur zögerlich und zwischen den Zeilen. Warum? Weil Beruhigung nicht angedacht ist. Und weil der virtuelle Lockdown ein gutes Instrument ist, um politisch Profit daraus zu schlagen.

Wenn er nämlich als Drohung aktuell bleibt, aber nie kommt, können sich die politischen Akteure hinterher hinstellen und Selbstlob walten lassen. Sie werden sagen: „Seht her, wir haben das vereitelt, wir haben euch den Lockdown erspart. Unser Krisenmanagement war genial.“

Genial ist allerdings nur dieses freche Kalkül, mit dem man das Damoklesschwert über unsere Köpfe schweben lässt.


Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.