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Die Maske fällt

Die inkonsequente Einhaltung der Hygieneregeln durch viele Politiker ist blanker Hohn für alle Bürger, die unter diesen Maßnahmen leiden.

von Nicolas Riedl

Es ist längst nichts Neues mehr, dass viele Politiker selbst nicht an die Corona-Gefahr glauben, die sie der Bevölkerung eintrichtern. Dementsprechend handeln sie auch in der Öffentlichkeit, wenn die Selbstkontrolle einmal nachlässt. So zeigen sich manche Politiker nie oder nur nach medialem Druck mit Maske und nehmen es auch mit dem Mindestabstand nicht so genau. Nun, da die Maskenpflicht massiv verschärft wird — besonders schwerwiegend zulasten der Kinder — muss dieses Thema noch in den Vordergrund gerückt werden, um die Bigotterie und schamlose Unverfrorenheit der politischen Verantwortlichen deutlich zu machen. Während jene Bürger, die das Maskentragen verweigern, von der Mainstreampresse faktisch für vogelfrei erklärt werden, werden Politiker für einen derartigen Fauxpas Medien höchstens milde getadelt.

Maulkorb statt Schultüte: So beginnt in einigen Bundesländern das neue Schuljahr für die Kinder und Jugendlichen in Betonklötzen namens Schule. Die Masken müssen in den betreffenden Bundesländern auch während des Unterrichts getragen werden. Als würden die jungen Menschen nicht schon genug an schlechter Luft in Klassenzimmern leiden, so müssen sie nun stundenlang mit diesen unsäglichen Mundhauben mit Sauerstoffmangel und den sich unter den Masken ansammelnden Keimen ausharren und dabei auch noch dem Unterrichtsverlauf folgen. Die Pausen gleichen einem Hofgang im Gefängnis, da die Schülerinnen und Schüler getrennt, in Kreidekreisen stehend, auf das Klingeln der Pausenglocke warten, um dann erneut 90 Minuten auferzwungener Atemnot zu durchleiden. Wer sich nicht dran hält, dem wird mit Schulverweis gedroht.

Dr. Bodo Schiffmann findet hierfür klare Worte und bezeichnet das Vorgehen als „Kindesmisshandlung, Nötigung und vorsätzliche Körperverletzung“.

Aber nicht nur die Jüngsten und Wehrlosesten unserer Gesellschaft trifft es nun immer härter. Zunehmend wird der Ruf lauter, das Bußgeld für Maskenverweigerer zu erhöhen. Die Bahn sowie der ÖPNV sollen nun rabiater gegen dieses neue Gesellschaftsfeindbild vorgehen, die Personen des Fortbewegungsmittels verweisen und direkt ein Bußgeld verhängen.

Mittlerweile ist es eigentlich unnötig zu erwähnen, aber irgendwie kann man es trotzdem nicht oft genug klar und deutlich benennen: Die Masken helfen einen Dreck, wenn es darum geht, sich vor einem Virus zu schützen. Ein Coronavirus ist 0,16 Mikrometer groß, die kleinste Pore der Masken 0,30 Mikrometer. Das Virus fliegt einfach hindurch wie ein Insekt durch Gitterstangen eines Vogelkäfigs (1). Die Weltgesundheitsorgisation WHO und Christian Drosten von der Berliner Charité gaben dies sogar ganz offen zu. In Österreich machte Gesundheitsminister Rudolf Anschober keinen Hehl daraus, dass das Maskentragen gar keinem medizinischen Zweck dient, sondern vielmehr auf einen psychologischen Effekt abzielt, der das gesunkene Risikobewusstsein wieder steigern solle.

Andere Ränge, andere Sitten

Während der Alltag sich für den einfachen Bürger zu einem Spießrutenlauf aus Anordnungen, Vorschriften und Strafen verwandelt hat, nehmen es die Politiker mit diesen Regeln wiederum nicht so genau. Da zwängt sich Gesundheitsminister Jens Spahn wie selbstverständlich in einen dicht befüllten Aufzug, dessen enge Kabine jeden Sicherheitsabstand vermissen lässt. Auch ein Sebastian Kurz predigte Abstand und tat kurz darauf das genaue Gegenteil.

Besonders pikant ist jedoch die Doppelzüngigkeit des Bundespräsidenten Walter Steinmeier. Dieser mahnte erst am 3. August die Bevölkerung an, Leichtsinn in der Freizeit sowie im Berufsleben zu unterlassen. Aus Unvernunft dürfe man doch nicht alle wie auch immer gearteten „Erfolge“ verspielen. Wenige Tage später erreichte die Öffentlichkeit dann ein Privatfoto Steinmeiers, wie er auf einer Südtiroler Alm unmaskiert und ohne den Mindestabstand zu beachten zwischen mehreren Musikantinnen posiert. Darauf angesprochen, meinte Steinmeier:

„In meinem Urlaub bin ich beim Verlassen einer Bergalm dem spontanen Wunsch nach einem gemeinsamen Foto an der frischen Luft nachgekommen.“ Dabei sei es zu „Fünf Sekunden Unaufmerksamkeit (gekommen), die ich mir selbst vorwerfe und die nicht hätte passieren dürfen.“

Ob man diese Ausrede auch einem Bürger durchgehen lassen würde, der, um kurz durchzuatmen, in der Bahn für einen kurzen Augenblick — vielleicht sogar nur für fünf Sekunden — die Maske abnimmt? Angesichts der Neo-Blockwart-Mentalität hierzulande darf das stark bezweifelt werden.

Und was soll das mit den „fünf Sekunden“? Will Steinmeier uns allen Ernstes weismachen, dieses Foto sei in fünf Sekunden entstanden? Stellen wir uns doch mal vor, wie das abgelaufen sein könnte: Steinmeier hätte sich zunächst neben den Musikerinnen platzieren müssen, dann gab es sicherlich noch eine kurze Diskussion darüber, wer wo steht, wer direkt neben Steinmeier — ohne 1,5 Meter Abstand — stehen dürfe, wie das Licht gerade am besten ist und dann musste der Fotograf sicherlich noch dazu aufrufen, zu lächeln — und dann erst wurde das Foto geschossen. War es wirklich nur eines oder nicht sogar mehrere, damit man sich am Ende das Beste heraussuchen kann? Und all das soll in „fünf Sekunden“ geschehen sein?

Ein Bundespräsident kann uns also mit so einer billigen Ausrede abspeisen, aber der Normalbürger kommt bereits dann in Rechtfertigungszwang, wenn er an einer chronischen Atemwegserkrankung leidet — erwiesenermaßen, sogar mit ärztlicher Bescheinigung. Er oder sie wird geächtet, selbst wenn für das Nicht-Maskentragen ein Attest vorliegt. Aber auch dann muss die valide Begründung gegenüber jedem weiteren Mitmenschen in Öffentlichen Verkehrsmitteln und Läden wiederholt werden. Sofern man es überhaupt schnell genug schafft, seinen Grund zu nennen, ehe man pöbelnd als Covidiot oder Omamörder beschimpft und angeschrien wird.

Wie glaubwürdig ist ein Bundespräsident, der zu Verhaltensweisen aufruft, die er selbst nicht einhält? Der sich nicht an sein eigenes Drehbuch hält? Auch wenn er den „Fehler“ — der eigentlich keiner ist — einräumt, ändert das nichts an der heuchlerischen Note dieser ganzen Chose! Kinder müssen im Unterricht regelrecht ersticken, Asthmatiker sich im öffentlichen Raum wie Schwerverbrecher behandeln lassen, aber ein Steinmeier kann sich binnen kürzester Zeit mit einer halbherzigen Ausrede wieder rehabilitieren, wenn er für ein Foto die eigens vorgegebenen Maßnahmen über Bord wirft?

Und machen wir uns nichts vor! Seine Beteuerungen, wie leid es ihm täte, sind genauso verlogen und unehrlich wie die unverschämte Ausrede mit dem Fünf-Sekunden-Foto. Ersichtlich wurde dies bereits, als Steinmeier unfreiwillig in vermeintlicher Abwesenheit von Fernsehkameras bewies, wie ernst er es mit der Maskenpflicht meint. In diesem Videoausschnitt ist zu sehen, wie sich der werte Bundespräsident geriert, wenn die Kameras nicht mehr laufen. Mit dem Mikrofon in der Hand fragt er die Umstehenden, ob er „das mal eben loswerden“ könne. Worauf er sich genau bezieht — ob auf das Mikrofon oder auf die Maske — weiß man nicht so recht. Doch dann nimmt er die Maske ab, gibt einem Assistenten das Mikrofon und einem anderen seine benutzte Maske!

Danach macht er auch keine Anstalten — auch nicht nach fünf Sekunden — diese wieder aufzuziehen.

Wir sehen, Politiker tragen eine ganz andere Maske als wir. Weder sind es die buntbedruckten oder klinisch hellblauen Masken, noch die Tücher, die Schals oder die ganz stylishen Alltagsmasken mit hippen Sprüchen. Nein, diese Art von Politikermaske ist organisch mit ihren Trägern verwachsen. Es sind die Pokerfaces, die mit ihrer Mimik und ihren Mundbewegungen Lügen artikulieren, ohne dass auf ihren Wangen auch nur das kleinste Anzeichen von Schamesröte zu erblicken wäre.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Sucharit Bhakdi, Katharina Reiss: Corona Fehlalarm? Daten, Fakten, Hintergründe, 2020, Seite 65.


Nicolas Riedl, Jahrgang 1993, ist Student der Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen. Er lernte fast jede Schulform des deutschen Bildungssystems von innen kennen und während einer kaufmännischen Ausbildung ebenso die zwischenmenschliche Kälte der Arbeitswelt. Die Medien- und Ukrainekrise 2014 war eine Zäsur für seine Weltanschauung und -wahrnehmung. Seither beschäftigt er sich eingehend und selbstkritisch mit politischen, sozio-ökonomischen, ökologischen sowie psychologischen Themen und fand durch den Rubikon zu seiner Leidenschaft des Schreibens zurück. Soweit es seine technischen Fertigkeiten zulassen, produziert er Filme und Musikvideos. Er ist Mitglied der Rubikon-Jugendredaktion und schreibt für die Kolumne „Junge Federn“.


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