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Historisches Wissenschaftsversagen

Keine Studie hatte weltweit je fatalere Folgen als Professor Neil Fergusons Lockdown-Empfehlung.

von Christian Kreiß

Heute erscheint uns dieses Narrativ fast selbstverständlich, weil es uns Tag für Tag in den Medien eingeimpft wird: Nur ein monatelanger strenger Lockdown könne einen katastrophalen Pandemie-Ausbruch mit Millionen Toten noch stoppen. Prof. Dr. Neil Ferguson vom Imperial College London behauptete das im März 2020 in einer folgenreichen Untersuchung. Seither steht die Welt am Abgrund, sind vor allem zahlreiche Volkswirtschaften und die demokratische Substanz der Länder in ihrem Bestand bedroht. Das Schlimme daran: Prof. Fergusons Studie war ein Musterbeispiel interessengelenkter Wissenschaft, die darauf abzielte, Impfungen als einzigen Ausweg zu empfehlen und der Pharmaindustrie so hohe Profite zu sichern.

Zusammenfassung

Hauptursache für die weltweiten Lockdowns ist eine wissenschaftliche Studie von Prof. Dr. Neil Ferguson vom Imperial College London. Die auf einem mathematischen epidemiologischen Modell aufbauende, nicht peer-reviewte wissenschaftliche Veröffentlichung prognostizierte weltweit horrende Infektions- und Todeszahlen für den Fall, dass keine monatelangen, drastischen Lockdown-Maßnahmen ergriffen würden, bis ein Impfstoff vorhanden sei. Eindämmungsmaßnahmen mit zielgruppenorientierten Schutzmaßnahmen würden bei weitem nicht ausreichen. Noch heute dominiert die Diskussion um Eindämmung versus Unterdrückung die wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung (1). Die Prognosen der Ferguson-Studie erwiesen sich jedoch als empirisch unhaltbar.

Der Grund dafür:

Diese vermutlich folgenreichste wissenschaftliche Studie der Menschheitsgeschichte beruht auf „flawed science“, falscher Wissenschaft, genauer: interessengeleiteter Wissenschaft.

Der Grundtenor der ganzen Studie ist das Warten auf die Impfung als alleiniger langfristiger Lösung, also eine sehr pharmaindustriefreundliche Ausrichtung. Das dürfte kein Zufall sein. Das Imperial College erhält seit Jahren umfangreiche finanzielle Geldzuflüsse von der Bill & Melinda Gates Foundation und arbeitet seit langem intensiv mit der Pharmaindustrie zusammen. Von ausgewogener, wissenschaftlich neutral Vor- und Nachteile abwägender Forschung kann daher meines Erachtens keine Rede sein.

Es handelt sich um einen klassischen Fall von interessengelenkter Forschung. Sie stürzte die Weltwirtschaft in die größte Rezession der letzten Jahrhunderte. Die Kernursache der heutigen Lockdown-Maßnahmen und des verheerenden Wirtschaftsabsturzes bildet daher gekaufte Wissenschaft.

Der „report 9“ des Imperial College London vom 16.3.2020

Am 16.März 2020 veröffentlichte der britische Epidemiologe und Professor für mathematische Biologie, Neil Ferguson vom angesehenen Imperial College London zusammen mit 30 anderen Forschern einen wissenschaftlichen Bericht, der dramatische Auswirkungen auf die angelsächsische Welt und kurz darauf auf fast die ganze übrige Welt hatte. Der „report 9“ vom Imperial College COVID-19 Response Team, wie das wissenschaftliche Paper offiziell genannt wurde (2), baute auf einem mathematischen epidemiologischen Modell auf. Es sprach von der größten Gesundheitsbedrohung durch ein Atemwegsvirus seit der Grippewelle von 1918. Falls keine politischen Gegenmaßnahmen ergriffen würden, sagte der Report 550.000 Tote für Großbritannien und 2,2 Millionen Tote für die USA voraus sowie eine 30-fache Überlastung der Krankenhausbetten (3).

Der Bericht empfahl daher einen harten Lockdown aus einer Kombination von Fallisolierung, Social Distancing für die gesamte Bevölkerung und entweder eine generelle Haushaltsquarantäne oder Schul- und Universitätsschließungen. Nur dadurch könne eine Überlastung des Gesundheitssystems und ein Mangel an Krankenhausbetten vermieden werden, solange kein Impfstoff zur Verfügung stände. Der harte Lockdown müsse, auch wenn zwischenzeitliche Lockerungen möglich wären, „möglicherweise 18 Monate oder mehr“ (4) , bis ein Impfstoff zur Verfügung stände, aufrechterhalten werden. Für das Paper wurde ein harter Lockdown von zunächst fünf Monaten modelliert (5).

Der „report 9“ diskutierte auch eine mildere Strategie der Eindämmung statt eines harten Lockdowns, bei der nur Fallisolierungen, Quarantäne und Social Distancing für die hauptsächlich gefährdete Zielgruppe der über 70-Jähringen eingeführt würde. Die Anwendung dieser milderen, zielgruppenspezifischen Strategie würde aber lediglich zu einer Halbierung der Anzahl an Toten, also 275.000 Tote in Großbritannien und 1,1 Millionen in den USA sowie zu einer 8-fachen Überbelegung der Krankenhausbetten führen (6). Das Paper rät daher explizit davon ab (7).

Der „report 9“ hatte sensationelle Auswirkungen. Einen Tag später verhänge Großbritannien einen harten Lockdown, es folgten zahllose Staaten auf der ganzen Erde, die exakt die Maßnahmen ergriffen, die Ferguson und seine Mitstreiter vorgeschlagen hatten. Beispielsweise wurden in 150 Länder Schulschließungen durchgeführt, die allein bis Ende Mai 1,2 Milliarden Schulkinder (etwa 70 Prozent aller Schulkinder weltweit) betrafen (8). Es dürfte das folgenreichste wissenschaftliche Paper aller Zeiten gewesen sein. Neil Ferguson wurde in der britischen Presse daraufhin als „Professor Lockdown“ betitelt. Noch heute basieren fast alle Lockdown-Maßnahmen weltweit sowie die Begründungen dafür im Kern auf der Argumentation dieser Veröffentlichung.

Prognosen und Wirklichkeit

Der „report 9“ vom Imperial College London prognostizierte für die USA 2,2 Millionen Corona-Tote und für Großbritannien 550.000. Gemäß Peter St. Onge lauteten die Vorhersagen der Ferguson-Studie für Kanada auf 326.000 und für Schweden auf 85.000 Covid-19-Tote (9). Dies waren die Prognosen für den Fall, dass keine epidemieeinschränkenden Maßnahmen getroffen würden. Für den Fall der „Eindämmungs-Strategie“ sollten, wie erwähnt, die Todeszahlen nur die Hälfte betragen und die Fallzahlen in den Krankenhäusern achtmal so hoch sein wie die Behandlungskapazitäten. Die Ist-Zahlen der Corona-Toten per 26.10.2020 lauten bei „worldometer“ (10): USA 231.000, Großbritannien 45.000, Canada 10.000, Schweden 6.000.

Ich denke, diese Zahlen per 27.10.2020 zeigen, wie grundlegend falsch die Horror-Prognosen von Neil Ferguson waren. Insbesondere an Schweden kann man das sehr gut sehen, denn dort wurden und werden — explizit entgegen den Empfehlungen von Ferguson — lediglich sehr milde epidemieeinschränkende Maßnahmen ergriffen und trotzdem sind die Todeszahlen meilenweit unter seinen Prognosen (11). Sie liegen in den letzten Monaten ständig nahe Null und steigen auch in jüngster Zeit, im Gegensatz zu sehr vielen anderen Ländern, nicht an (12). Auch die Krankenhäuser Schwedens waren, entgegen den Prognosen von Professor Lockdown, nie auch nur ansatzweise flächendeckend überlastet, geschweige denn um einen Faktor acht. Meiner Meinung nach betrieb Herr Ferguson wissenschaftlich substanzlose Panikmache.

Die große Weltferne der Ferguson-Prognosen zeigt sich gut an folgender Aussage in dem Paper: „Eine Minimalpolitik effektiver Unterdrückung ist bevölkerungsweites Social Distancing, kombiniert mit der Isolierung Betroffener sowie Schul- und Universitätsschließungen.“ Diese Mindest-Maßnahmen müssten 18 Monate oder länger aufrechterhalten werden, bis ein Impfstoff zur Verfügung stünde (13). Schon ein Blick auf Deutschland zeigt, wie falsch diese „Minimalforderung“ von Ferguson ist, um eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern.

In Deutschland waren die Krankenhäuser nie auch nur ansatzweise überlastet, im Gegenteil, sie standen 2020 über weite Strecken so leer wie noch nie in der Nachkriegszeit, obwohl die Lockdown-Maßnahmen in Deutschland milder waren als von dem britischen pharmafreundlichen Epidemiologen empfohlen.

Werfen wir nun einen kurzen Blick auf frühere Prognosen von Neil Ferguson. 2002 sagte er bis zu 150.000 tote Menschen durch BSE (Rinderwahn) voraus. Tatsächlich gab es damals etwa 2.700 Tote. Das entspricht einer 55-fachen Überschätzung. Bei der Schweinegrippe 2009 prognostizierte er 65.000 Tote für Großbritannien, tatsächlich kam es zu 457. Das entspricht einer Fehlschätzung um den Faktor 142. Und bei der Vogelgrippe sagte er 2005 200 Millionen Tote weltweit voraus — es kam aber nur zu 455 (14) — eine Fehlschätzung um den Faktor 439.000. Der Wissenschaftler scheint keine glückliche Hand bei Vorhersagen zu haben.

Im Übrigen gibt es Hinweise darauf, dass Ferguson selbst seine Aussagen nicht allzu ernstgenommen haben könnte. Denn er traf sich Anfang Mai mit seiner verheirateten Geliebten, als er die Öffentlichkeit über die Notwendigkeit strenger sozialer Distanzierung belehrte. Die britische Boulevardzeitung The Sun titelte daher am 5.Mai 2020 auf der Frontpage süffisant: „Prof Lockdown broke lockdown to get his trousers down“. Einen Tag später lautete die Überschrift in der Sun: „Locked Out — Prof Neil Ferguson resigns as government coronavirus scientist after breaking lockdown rules to meet his married lover“ (15). Ferguson musste wegen dieses Skandals seinen Posten als Corona-Wissenschaftler für die britische Regierung verlassen.

Warum wird ein Wissenschaftler mit einem derart schlechten track-record zur wissenschaftlichen Schlüsselfigur bei der Corona-Bekämpfung ernannt? Wie kam es dazu, dass genau er die größtmögliche mediale Aufmerksamkeit erfährt, während andere renommierte Wissenschaftler mit weit weniger unzutreffenden Aussagen kein Gehör in der Öffentlichkeit fanden, oder gar diffamiert wurden?

Was steckt dahinter?

Eine Konstante, die sich durch das gesamte Ferguson-Paper zieht, ist der häufig wiederholte Hinweis auf die Notwendigkeit einer Impfung. Ohne Impfung keine Chance auf Normalität. Wie kommt das?

Im Jahr 2020 erhielt das Imperial College London über 79 Millionen Dollar von der impfbefürwortenden Bill & and Melinda Gates Foundation (16) , seit 2010 insgesamt knapp 190 Millionen Dollar. Auch die Arbeit von Ferguson ist offenbar direkt von der Gates-Foundation mitfinanziert (17). Das Imperial College arbeitet eng mit der Pharmaindustrie zusammen. Ein paar wenige Beispiele: 2015 wurde ein gemeinsames Labor mit GlaxoSmithKline (GSK) gegründet, am Imperial College werden regelmäßig Reden von hochkarätigen Pharmavertretern gehalten, so 2019 von Sheuli Porkess, Deputy Chief Scientific Officer des Verbandes der britischen Pharmaindustrie oder von Mark Toms, dem Chief Scientific Officer von Novartis Pharmaceuticals UK; 2018 von Toni Wood, Senior Vice President von GSK: er hielt den Eröffnungsvortrag der jährlichen Konferenz des hauseigenen Institute for Molecular Science and Engineering (IMSE) usw. Kurz: es bestehen offenbar langjährige enge freundschaftliche Bande mit der Pharmaindustrie und der Gates-Stiftung, die beide größtes Interesse daran haben, Massenimpfungen durchzuführen.

Wie ausgewogen ist die wissenschaftliche Forschung von Menschen oder Instituten, die so stark mit der gewinnmaximierenden Industrie zusammenarbeiten und hohe Geldzahlungen von starken Impfbefürwortern erhalten?

In meinen beiden Büchern zu gekaufter Wissenschaft habe ich gezeigt, dass diese Art von Wissenschaft sehr problematisch ist und im Normalfall das Gemeinwohl bzw. die Gesellschaft schädigt. Und genau das tat Neil Ferguson m.E. in großem Ausmaß. In meinen Augen handelt es sich hier um interessengeleitete Forschung im Dienste der Industriegewinne und zu Lasten der Wohlfahrt der Menschheit. Der gesundheitliche, ökonomische, soziale und menschliche Schaden, der durch die harten Lockdowns weltweit angerichtet wurde, ist in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte einzigartig und übertrifft bei Weitem deren Nutzen (18).

Zuletzt ein kurzer Blick nach Deutschland. Auch bei uns wurde ein Wissenschaftler in den Medien hochgespielt und zum Hauptregierungsberater ernannt, der einen äußerst schlechten track-record im Prognostizieren von Virenverläufen hat: Christian Drosten.

Drosten sagte im Mai 2010 zur Schweingrippe „es gebe eine drastische Zunahme der Erkrankungen in Süddeutschland. Er gehe davon aus, dass die Welle von Süden aus in einem Zeitraum von fünf bis sechs Wochen über Deutschland hinwegziehen werde. (…) Drosten rief dringend dazu auf, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. ‚Bei der Erkrankung handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann‘“ (19).

Das waren vollständige Fehleinschätzungen. Dennoch durfte er 2020 in Deutschland maßgeblich Medien und Politikmaßnahmen beeinflussen, während Wissenschaftler mit sehr viel realistischeren Einschätzungen nicht zu Worte kamen oder gar diffamiert wurden und werden.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/barrington-coronavirus-massnahmen-1.5068325
(2) https://www.imperial.ac.uk/media/imperial-college/medicine/mrc-gida/2020-03-16-COVID19-Report-9.pdf
(3) Ebd., Seite 7
(4) Ebd., Seite 15
(5) Ebd., Seite 10
(6) Ebd., Seite 8
(7) Ebd., Seite 1
(8) file:///C:/Users/00413/AppData/Local/Temp/WEOENG202006.pdf
(9) https://www.iedm.org/the-flawed-covid-19-model-that-locked-down-canada/
(10) https://www.worldometers.info/coronavirus/
(11) https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507096/Verzerrte-Statistiken-verschleierte-Tatsachen-Wie-die-deutschen-Medien-Schwedens-Corona-Politik-verunglimpfen?src=live
(12) https://www.worldometers.info/coronavirus/country/sweden/ Stand 27.10.2020
(13) https://www.imperial.ac.uk/media/imperial-college/medicine/sph/ide/gida-fellowships/Imperial-College-COVID19-NPI-modelling-16-03-2020.pdf S.14f.
(14) https://www.iedm.org/the-flawed-covid-19-model-that-locked-down-canada/
(15) https://www.thesun.co.uk/news/11556697/professor-neil-ferguson-resigns-breaks-uk-coronavirus-lockdown-rules/
(16) https://www.gatesfoundation.org/How-We-Work/Quick-Links/Grants-Database/Grants/2020/03/OPP1210755
(17) https://caimi-health.ch/2020/06/11/die-corona-korruption/
(18) https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506499/Corona-Millionen-vom-Hungertod-bedroht-Armut-nimmt-dramatisch-zu
(19) https://www.sueddeutsche.de/wissen/schweinegrippe-die-welle-hat-begonnen-1.140006


Christian Kreiß, Jahrgang 1962, studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte in München über die Große Depression 1929 bis 1932. Nach sieben Jahren Berufstätigkeit als Investmentbanker in verschiedenen Geschäftsbanken unterrichtet er seit 2002 als Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen.

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