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Kinderwürde

Menschenwürde ist auch Kinderwürde – offener Brief an die Bundeskanzlerin von Frau Dr. Angelina Bockelbrink

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

seit einigen Wochen erlebe ich die Corona-Krise in Deutschland aus der Perspektive einer Ärztin, Epidemiologin, Frau, Mutter von drei schulpflichtigen Kindern und Elternvertreterin in der Schule. Weil ich aber keine Politikerin bin, schreibe ich Ihnen als Privatperson und von Wissenschaftlerin zu Wissenschaftlerin.

Wir erfahren aktuell durch Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote so tiefgreifende Einschnitte in unsere Grundrechte und Freiheitsrechte wie es in meiner Lebenszeit und der der meisten anderen Bürger noch nie gab. Das hat weitreichende Auswirkungen auf die Menschen und auf fast alle Lebensbereiche, mir geht es hier an dieser Stelle jedoch vorrangig um die Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien.

Kinder leiden unter der aktuellen Situation und können sich nicht in ausreichendem Maße wehren oder schützen.

Kinder sind soziale Wesen, sie erfassen ihre Welt im Spiel und benötigen Sozialkontakte außerhalb der eigenen Kernfamilie für eine gesunde Entwicklung.

Seit inzwischen sieben Wochen sind die Schulen und Kitas geschlossen und es gilt weiterhin ein Kontaktverbot, so dass die Mehrheit aller Kinder und Jugendlichen gezwungen ist, ihre Zeit fast ausschließlich im engsten Familienkreis zu verbringen, was für jedes vierte Kind bedeutet, ganz allein mit den Eltern zu sein, da es ohne Geschwister aufwächst.

Seit mindestens sechs Wochen haben die meisten weder ihre Freunde, noch Großeltern, Onkel und Tanten oder andere Vertrauenspersonen wie LehrerInnen und ErzieherInnen gesehen. Und wenn sechs oder sieben Wochen schon für Erwachsene eine lange Zeit sein können, erscheinen sie Kindern wie eine Ewigkeit. Realistisch bedeuten diese Wochen tatsächlich einen viel größeren Anteil an der bisherigen Lebenszeit.

Durch die Sperrungen von Sportstätten und Spielplätzen sind auch die Beschäftigungsmöglichkeiten stark eingeschränkt und die Voraussetzungen für ausreichend Bewegung oftmals nicht gegeben. Betreuung und ausfallenden Schulunterricht versuchen die meisten Eltern mit mehr oder weniger Unterstützung durch die Schulen und Kitas möglichst aufzufangen, während viele gleichzeitig angehalten sind, ihrer eigenen Arbeit im Home Office nachzukommen. Besonders schwierig ist es derzeit für Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten, weil hier oft noch finanzielle Sorgen, räumliche Enge und fehlende Hilfe bei der Schularbeit hinzukommen.

Aus China, Spanien und Italien ist inzwischen bekannt, dass Kinder durch den Lockdown vermehrt unter Ängsten, Nervosität und Reizbarkeit leiden, oft körperlich Symptome wie Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen entwickeln, mehr weinen und insgesamt als anhänglicher beschrieben werden.(1)

Nicht nur Covid-19 kann töten, sondern auch der Lockdown.

Psychologen und Jugendämter in Deutschland rechnen mit einer deutlichen Zunahmen an häuslicher Gewalt und Vernachlässigung. Sie befürchten ein Defizit an notwendigen ärztlichen Behandlungen sowie eine deutliche Verschärfung sozialer Ungleichheit. Auch Kinderärzte gehen von eine hohen Zahl an körperlichen und psychischen Folgeerkrankungen sowie Entwicklungsstörungen aus.(2, 3)

Hinzu kommt die finanzielle Belastung durch die Rezession, in die wir steuern, die ich in meinen Ausführungen noch gar nicht berücksichtigt habe, die direkt und vor allem indirekt ebenfalls von den jetzigen Kindern und Jugendlichen beglichen werden wird. Durch hohe Arbeitslosigkeit, Armut und schlechtere Gesundheitsversorgung haben wir unter Umständen in den kommenden Jahren mit einer enormen Krankheitslast zu rechnen, die zu einer deutlich reduzierten Lebenserwartung führen kann. Auch Suizide bei psychischen Erkrankungen, wie posttraumatischen Belastungsstörungen, sind nicht unwahrscheinlich. Schon vor Inkrafttreten des Lockdown haben renommierte Epidemiologen und Sozialmediziner durchaus davor gewarnt, dass ein Lockdown signifikante Schäden nach sich ziehen wird, auch wenn das volle Ausmaß noch nicht abschätzbar war und ist.(4, 5)

Die Schäden des Lockdown und der Schulschließungen fließen in die Diskussion über Lockerungen nicht bzw. nicht ausreichend ein.

Wie aus einem Strategiepapier des Innenministeriums zu entnehmen ist, sollten alle verhängten Maßnahmen ganz vorrangig dazu dienen, ein angenommenes Worst-Case-Szenario mit mehr als einer Million Toten zu vermeiden.(6) Zu diesem Zweck sollte über die Kommunikation eine „Schockwirkung“ erzielt werden, um darüber eine gute Compliance für alle Maßnahmen zu erreichen. Explizit wurde empfohlen, die Urangst des Menschen vor dem Ersticken hervorzuheben, sowie die von Kindern ausgehenden Gefahr zu betonen.(6) Zwar weiß ich nicht, ob tatsächlich nach diesem Strategiepapier gehandelt wurde, aber zumindest die Kommunikation ist wohl in ähnlicher Weise abgelaufen. Die Schockwirkung ist eingetreten, wie man an der weit verbreiteten Panik vor Covid-19 in der Bevölkerung erkennen kann. Mich wundert vor diesem Hintergrund allerdings auch nicht mehr, dass ich persönlich immer wieder den Eindruck bekomme, dass (meine) Kinder in der Öffentlichkeit hauptsächlich als „Virenschleudern“ gesehen werden.

Wie die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin schreibt, werden

„Kinder und Jugendliche in den bisherigen Entscheidungsprozessen nicht als Personen mit ebenbürtigen Rechten gesehen, sondern als potentielle Virusträger. Sie wurden in ihren Lebenswelten massiv eingeschränkt, nicht zum eigenen sondern zum Schutz Anderer. Die Betrachtung von Kindern nicht aus ihrer eigenen Perspektive sondern als „Mittel zum Zweck“ widerspricht ihrer persönlichen Würde.“(7)

Dabei gibt es bereits von Anfang an gute Hinweise darauf, dass Kinder keine bedeutende Rolle im Infektionsgeschehen bei SARS-CoV-2 spielen. Auch erkranken sie selbst in aller Regel nicht oder nur milde. Die Evidenzgrundlage für die Schulschließungen kann damit zusammenfassend nur als äußerst dürftig bezeichnet werden.(8)

Unabhängig davon, wie wahrscheinlich das angenommene Worst-Case-Szenario jemals war, ist inzwischen jedenfalls klar, dass es nicht eingetreten ist. Alle aus dem Strategiepapier herauszulesenden Ziele wurden übererfüllt, und sowohl aus den laufenden Erhebungen des RKI als auch aus dem Lagebericht des Innenministeriums lässt sich erkennen, dass unser Gesundheitssystem zu keinem Zeitpunkt überlastet war oder auch nur drohte zu überlasen.(9, 10) Das EbM-Netzwerk sieht eine durchaus reale Gefahr, dass der Lockdown nicht nur mehr Schaden als Nutzen bringt, sondern sogar das Potenzial hat, mehr Schaden als das Virus selbst anzurichten.(8) Und auch eine Gruppe von mehr als 200 aktiv tätigen Hausärzten fordert inzwischen, die massiven Beschränkungen nicht weiter fortzuführen.(11)

Auf Grundlage der vorliegenden Erkenntnisse ist es für mich logisch, dass Schulen und Kitas für alle Kinder unter Ermöglichung auch des sozialen Miteinanders zügig wieder zu öffnen sind.

Auch es ist Zeit, einen Strategiewechsel in der Kommunikation durchzuführen. Statt einer Schockwirkung sollte eine evidenzbasierten Risikokommunikation erfolgen, wie vom EbM- Netzwerk gefordert.(8) Wichtig sind hierfür vorrangig Vergleichszahlen und Darstellungen, die einem durchschnittlich gebildeten Bürger realistische Einordnungen der Gefährlichkeit von SARS- CoV-19 ermöglichen.

Denn letztlich geht es nicht nur um Kinder, da ein wertschätzendes Miteinander in einer Gesellschaft dauerhaft nur möglich ist, wenn das Leben und die Würde aller Menschen gleichermaßen geschätzt werden, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Nationalität.

Kinder sind keine Virenschleudern. Kinder sind Menschen. Kinder sind unserer Zukunft, also lassen Sie uns anfangen sie so zu behandeln.

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Bis dahin verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Dr. Angelina Bockelbrink

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