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Musk ohne Maske

Der reichste Mann der Erde ist vielleicht auch der einflussreichste „Corona-Leugner“ — das deutsche Establishment huldigt ihm trotzdem.

von Thomas Castellini

Es war ein bizarrer Abend in Berlin. Während in Deutschland Politik und Medien die Kritiker der Corona-Maßnahmen beschimpfen und verleumden, vergibt der Verlag, der mit der Bild-Zeitung zu den führenden Meinungsmachern gehört, einen namhaften Preis an einen amerikanischen Unternehmer, der nach derzeit herrschender Sprachregelung unbedingt als Corona-Leugner bezeichnet werden müsste. Elon Musk macht keinen Hehl daraus, dass er der gängigen Corona-Erzählung rein gar nichts abgewinnen kann, und verwendet hierfür drastische Worte. Aber Musk ist nun einmal der reichste Mensch der Erde, betreibt lukrative Geschäfte und beabsichtigt, demnächst den Mars zu besiedeln. Eine Option, die vielleicht einmal relevant werden könnte. Da möchte man sich schon jetzt ein Plätzchen sichern und es sich nicht mit dem Business Punk aus Kalifornien verderben. Aber was motiviert diesen Mann, und wer ist Elon Musk eigentlich? Ein Blick hinter die Maske des Maskenverweigerers.

Stellen Sie sich vor, Sie äußern als Otto Normalcovidiot, dass Sie die Viruspanik für dumm halten, Ausgangssperren für faschistisch und dass Sie nicht beabsichtigen, sich impfen zu lassen. Falls Sie eine Firma haben, widersetzen Sie sich Behörden oder Ämtern, die Ihre Mitarbeiter nach Hause schicken wollen und drohen, mit Ihrem Betrieb abzuwandern. Ach ja, und im Übrigen wollen Sie mal auf dem Mars leben. Und Ihr Sohn trägt den Namen X Æ A-12. Man würde Sie beschimpfen und beleidigen, verhöhnen und verdammen.

Sie wären ein widerwärtiger Egoist, dümmlicher Leugner, potenzieller Mörder. Und verfügten Sie über Prominentenstatus, würde man Sie medial teeren und federn, quasi wendlern. Dies alles würde Ihnen zweifellos widerfahren. Außer, Sie hießen Elon Musk.

Dann bekämen Sie den Axel-Springer-Award. Man würde die 19. Etage des Berliner Springer-Hochhauses zu einem Raumschiff umgestalten, eine Menge prominenter Menschen einladen sowie eine bekannte TV-Moderatorin namens Barbara Schöneberger engagieren und sie in einen stilisierten Astronautenanzug stecken. Man würde Ihnen zu Ehren eine Multimedia-Reise zum Mars präsentieren und diese mit Bildern Ihrer Lebensstationen begleiten. Und man würde den populären DJ Sven Väth einen der beiden Songs, die Sie bis dato kreiert haben, remixen und das Cover der Schallplatte von dessen zehnjährigem Sohn, der Sie sehr bewundert, gestalten lassen, was Sie wiederum sehr rühren würde.

Und das Beste: Niemand würde Maske tragen und mit dem Mindestabstand nähme man es auch nicht so genau.

Aber das wird Ihnen nicht passieren, denn Sie heißen nicht Elon Musk. Doch der Person, die Elon Musk heißt, die Viruspanik für dumm hält, Ausgangssperren für faschistisch, die nicht beabsichtigt, sich impfen zu lassen, sich Behörden widersetzt, die Mitarbeiter nach Hause schicken wollen und droht, mit Firmensitz und Fabrik abzuwandern, dieser Person also ist es widerfahren. Am 1. Dezember 2020. Zu Berlin. Im Axel-Springer-Haus. 19. Stock. Ernst-Cramer-Konferenzraum.

Warme Worte

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hielt die Laudatio und sagte dabei Sätze, als wäre Raphael Bonelli in ihn gefahren:

„Ja, Gesundheitsschutz steht nicht über allem. Es geht immer um Balance in der Pandemie. Egal wie wir handeln oder nicht handeln, es wird Schaden entstehen. Wir müssen also abwägen und gewichten. Als Gesundheitsminister finde ich es richtig, dass wir den Gesundheitsschutz sehr stark gewichten. (…) Gleichzeitig ist es aber legitim, eine andere Gewichtung zu fordern. Derlei Debatten gehören unabdingbar zu unseren freien Gesellschaften dazu. Und es ist wichtig, dass wir diese Debatten nicht unerbittlich führen. Sondern einander zuhören und bereit sind, auch mal davon auszugehen, dass der andere Recht oder berechtigte Argumente haben kann. Debatten, die ins Moralisieren kippen, werden der Realität mit ihrer Vielschichtigkeit selten gerecht.“

Umso schöner, dass Jens Spahn hier der Realität so gerecht wird. Denn kennen wir sie so nicht aus den vergangenen Wochen und Monaten, die Diskussionen, Diskurse, Debatten zwischen den Befürwortern und Gegnern der Maßnahmen, zwischen Bürgern und Behörden, zwischen Polizisten und Demonstranten? Stets auf Augenhöhe und im Sinne der Netiquette — zivilisiert, kultiviert, differenziert: die fast schon ermüdenden Gesprächsrunden bei Maischberger, Maybrit Illner und Hart aber fair mit Wolfgang Wodarg und Stefan Hockertz! Sucharit Bhakdis regelmäßige Kolumnen in Frankfurter Allgemeiner und Süddeutscher Zeitung! Und auch das Menschliche kommt nicht zu kurz. Man denke nur an Bodo Schiffmanns Heimatporträt „Mein Sinsheim“ im ZDF. Andere konnten sich auf gänzlich unbekanntem Terrain ausprobieren, so Rechtsanwalt Markus Haintz bei RTLplus in „Das Strafgericht“.

Warme Worte also vom Bundesgesundheitsminister und eine bemerkenswerte Diskrepanz zu den üblichen Äußerungen aus der Politik, wo von wissenschafts- und faktenfernen, ja gemeingefährlichen und psychopathischen Corona-Leugnern die Rede ist, deren Handeln womöglich bald im Terrorismus gipfeln wird. Baader-Meinhof ist Geschichte, kommt jetzt die Bahner-Jebsen-Gruppe?

Raumschiff Springerpreis

Aber man muss seine Worte eben sorgsam wählen, wenn die Feier eines sehr reichen Corona-Leugners ansteht, — eines sehr, sehr reichen Corona-Leugners, nämlich des reichsten Corona-Leugners und überhaupt reichsten Menschen auf der Erde. Am 7. Januar 2021 wurde gemeldet, Musks Nettovermögen beliefe sich auf 188,5 Milliarden US-Dollar und damit 1,5 Milliarden mehr als jenes von Amazons Jeff Bezos. Und so nahm der Abend in Berlin, unter dem Motto „Mission to Mars“, seinen Lauf: Weißgekleidete Astronauten-Darsteller grüßten von der Kommandobrücke und erteilten Sicherheitsinstruktionen für den Start ins All — Raumschiff Springerpreis. Glorifizierende Gesänge und Lobhudeleien allenthalben.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer Societas Europaea verortete Musk „in einer anderen Liga“ und bejubelte dessen Brandenburger Tesla-Gigafactory, wo „in unfassbarer Baugeschwindigkeit“ Musks Vision Realität werde. Jens Spahn feierte den baldigen Marsmenschen als „Speerspitze einer ganzen Generation von Menschen, die an die Kraft von Ideen glauben und daran, dass Fortschritt möglich ist“.

Die Gästeliste der Erdlinge umfasste die Vertreter der Preis-Sponsoren DHL, DWS, Einhell, Philip Morris, Share Now und Vodafone. Außerdem vor Ort: Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender des Siemens-Konzerns, Udo Kittelmann, ehemaliger Direktor der Nationalgalerie Berlin, sowie Frank Thelen aus der „Höhle der Löwen“. „Sämtliche Gäste, wie auch alle Mitarbeiter der Verleihung, waren zuvor auf Corona getestet worden“, hieß es. Selbstverständlich. Und selbstverständlich alle negativ. Jedenfalls alle Gäste. CEOs bekommen kein Corona.

Dies also sind die Menschen, die an die Kraft von Ideen glauben. Aber glauben heißt bekanntlich, nicht wissen. Aber was sie wissen ist, dass man netzwerken, mitschwimmen, teilnehmen muss, damit man sich ein großes Stück vom Kuchen sichern kann und nicht nur die Krümel zusammenfegen darf. Musks Preisvorgänger waren neben anderen Mark Zuckerberg und Jeff Bezos. Und die Preisträger 2021 stehen auch bereits fest: die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci. Döpfners Begründung an die Preisträger:

„Der von ihnen entwickelte mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 hat das Potenzial, uns allen ein großes Stück Freiheit zurückzugeben.“

So empfinden es viele, wahrscheinlich die meisten. Aber es soll auch Menschen geben, die sehen ein ganz anderes Potenzial in diesem Impfstoff. Man sollte mit ihnen eine Debatte führen. Aber nicht unerbittlich. Sondern ihnen zuhören und bereit sein, auch mal davon auszugehen, dass sie recht oder berechtigte Argumente haben können. Denn eine moralisierende Debatte wird der Realität mit ihrer Vielschichtigkeit kaum gerecht.

Die Welt des Elon Musk

Und so wurde also Elon Musk in der Wochenendausgabe der Welt vom 5./6. Dezember 2020 über viele Seiten gefeiert und in der Welt am Sonntag vom 6. Dezember 2020 folgte noch ein langes Gespräch Musks mit Mathias Döpfner „über die großen Fragen des Lebens“. Auf die Frage, weshalb ihm das SpaceX-Projekt so wichtig sei, antwortete Musk übrigens:

„Es geht nicht darum, dass der Planet Mars ein Plan B ist. Sondern darum, dass wir zu einer multiplanetarischen Spezies und raumfahrenden Zivilisation werden. Es geht um das Leben im gesamten Sonnensystem, um Leben, das über unser Sonnensystem hinaus in andere Sternensysteme reicht. Das ist verglichen mit der Vorstellung, immer auf der Erde zu bleiben bis es zu einer Auslöschung kommt, eine aufregendere Zukunft“ (1, 2, 3).

Einstweilen aber muss der Mars noch warten. Anfang Dezember 2020 stürzte ein Prototyp der geplanten Marsrakete „Starship“ im südlichen Texas ab und explodierte in einem gewaltigen Feuerball. Der Chef war dennoch zufrieden. Oder tat jedenfalls so. „Mars, wir kommen!“ und „Herzlichen Glückwunsch an das SpaceX-Team, zur Hölle, ja!!“ Der Druck im Treibstofftank sei während des Landemanövers zu niedrig gewesen, was wiederum eine zu hohe Landegeschwindigkeit verursacht habe. „Aber wir haben alle Daten, die wir wollten“, triumphierte Musk (4).

Zweifellos ist Musk in der Raumfahrt erfolgreich. So dockte Mitte November 2020 der SpaceX-Raumtransporter Crew Dragon mit einer aus vier NASA-Astronauten bestehenden Besatzung an die Internationale Raumstation ISS an. Dieser 27-stündige Flug war die erste reguläre Mission von SpaceX und wurde als Triumph für Elon Musk und „Meilenstein für die US-Raumfahrt“ bezeichnet, der „die USA von neuer Größe träumen lässt“. Denn es war nach fast neunjähriger Pause das erste Mal, dass Astronauten wieder von amerikanischem Boden aus zur ISS starteten – und das erste Mal, dass sie von einem privaten Raumfahrtunternehmen befördert wurden (5).

Bullenkampf

Musk duelliert sich des Öfteren mit Jeff Bezos, denn dieser ist mit seiner Firma Blue Origin auf den Geschäftsfeldern Raumfahrt und Weltraumkolonien Konkurrent zu Musks SpaceX — mit dabei im „Space Race“ ist übrigens auch noch der britische Milliardär Richard Branson, ein weiterer Business Punk. Zudem stützt Bezos als Investor den Tesla-Kontrahenten Rivian.

Und so wollte Musk die Gelegenheit nicht verpassen, Bezos einen Schlag zu verpassen, als Alex Berenson, Thriller-Autor und ehemaliger Reporter der New York Times, via Twitter bekannt gab, dass Amazon es ablehne, sein Buch „Verheimlichte Wahrheiten über Covid-19 und Ausgangssperren“ auf der hauseigenen Kindle Direct Publishing-Plattform zu veröffentlichen — weil der Inhalt gegen die Nutzungsbedingungen verstieße. „Das ist verrückt, Jeff Bezos“, schrieb Musk und fügte kurze Zeit später hinzu: „Es ist an der Zeit, Amazon zu zerschlagen. Monopole sind falsch!“

Bereits einige Stunden nach Musks Tweet veröffentlichte Amazon Berensons Werk — vom Umfang her mehr Broschüre als Buch — doch noch. Die Weigerung sei fälschlicherweise erfolgt, erklärte eine Sprecherin Amazons der Washington Post, die ebenfalls Jeff Bezos gehört. Mittlerweile sind sogar noch zwei weitere Bände Berensons zur selben Thematik erschienen. Der Autor bedankte sich bei Elon Musk für dessen Unterstützung (6, 7).

Der Gedanke jedoch, der reichste Mensch des Planeten als scharfer Gegner der Corona-Maßnahmen werde dementsprechend seine umfassende Macht einsetzen, um gegenzusteuern, und andere Kritiker in ihrem Tun unterstützen, kann verworfen werden.

Weitergehende Äußerungen als die bekannten oder gar eine grundlegende Strategie waren nicht zu vernehmen, und auch bei der Preisverleihung in Berlin gab es kein diesbezügliches Statement.

Es erscheint eher so, als stellte die Einschränkung seiner Geschäftstätigkeit die Ursache für Musks Wut dar, insbesondere im Mai 2020, als die Tesla-Produktion zeitweise ruhen musste und Musk — dem die Verhandlungen, wann und wie er sein Werk in Kalifornien wieder hochfahren darf, offensichtlich zu lange dauerten — die Produktion entgegen dem Verbot einfach wieder aufnahm.

Die drohende Strafe von 1.000 Dollar pro Tag, ersatzweise 90 Tage Haft, konnte den Multimilliardär verständlicherweise nicht schrecken. Auch Staat und zuständiger Bezirk waren nicht an einer Eskalation und endgültigen Verärgerung Musks interessiert, der ja über Kalifornien das Damoklesschwert seines Umzugs nach Texas oder Nevada aufgehängt hatte. So einigte man sich gütlich, und auch als im November 2020 eine neue begrenzte Ausgangssperre mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens und von Wirtschaftsaktivitäten verfügt wurde, waren Tesla und andere produzierende Unternehmen davon ausgenommen (8, 9).

Kleiner Exkurs: Hinter der Amazon-Fassade

Auch an Amazon, das sich gerne für sein vorbildliches Hygienekonzept lobt, gab es im Frühjahr übrigens reichlich Kritik wegen mangelnder Fürsorge — so hieß es auf Amazon-Watchblog.de:

„Jedes Jahr schreibt Jeff Bezos einen Brief an die Amazon-Aktionäre, oft eine Mischung aus Jubelarie auf das eigene Unternehmen und Mitarbeitermotivation. Im Jahr 2020 steht natürlich das Coronavirus im Fokus — und wie Amazon damit fertig wird. (…) Amazon stand zuletzt vor allem in der Kritik, weil Mitarbeiter dem Unternehmen fehlenden Virenschutz in den Verteilzentren vorwarfen: Es gab Proteste, Streiks — und Amazon setzte allzu scharfe Kritiker kurzerhand auf die Straße. Zu alldem natürlich kein Wort. Stattdessen betont der CEO, wie viel das Unternehmen für seine geschätzten Angestellten schon tut“ (10).

Und Italien und Frankreich betreffend berichtete im März 2020 Logistik-Watchblog.de:

„Nun gab es bereits erste Streiks der Mitarbeiter, die eine Schließung der Logistikzentren fordern. Außerdem sollen die Hygiene-Maßnahmen, die der Konzern im Kampf gegen das Virus ergriffen hat, mangelhaft sein. In Frankreich werde den Mitarbeitern sogar mit einem Verdienstausfall gedroht, sollten diese aus Angst vor einer Ansteckung nicht zur Arbeit kommen. ‚Dieser Druck ist inakzeptabel, und wir werden es Amazon wissen lassen‘, heißt es von Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire (…) zur aktuellen Situation“ (11).

Auch bei Bezos handelt es sich nicht um einen smarten Maßnahmen-Kritiker, der seine Mitarbeiter in eine unangemessene Furcht versetzt sieht und dies nicht hinnehmen will, sondern es geht einzig und allein — unabhängig von der Gefährlichkeit einer gesundheitlichen Bedrohung und entgegen wiederholten Verlautbarungen und philanthropischen Gehabes — um das geschmeidige, ungestörte Funktionieren der Geschäftstätigkeit.

Vom Blauen auf den Roten Planeten

Doch zurück zu Musk: Dieser, schreibt Die Welt, ist sich mit dem 2018 verstorbenen Astrophysiker Stephen Hawking einig, der gesagt hatte, die Erde sei in so vielen Bereichen bedroht, dass es für ihn schwierig sei, noch positiv zu denken. „Die Ausbreitung im Weltraum ist das Einzige, was uns noch retten kann“, so Hawking. In den kommenden hundert Jahren müsse die Menschheit in der Lage sein, einen fremden Planeten zu besiedeln.

Musks Plan: „Ziel ist es, so viele Menschen und so viel Material auf den Mars zu bringen, dass sich alles so schnell wie möglich selbst trägt.“

Für ihn wäre es die größtmögliche Enttäuschung, wenn es zu seinen Lebzeiten nicht gelingen sollte, den Mars zu kolonisieren. Er hält es gar für möglich, bereits 2025 mit seinem Starship Menschen zum Mars und zurückzubringen, was die NASA und die europäische Weltraumorganisation ESA mit Sitz in Paris als völlig unrealistisch einschätzen.

In dem Song „Nur einmal rächen“ von Marcus Wiebusch, Frontmann der Band Kettcar, über sogenannte Computer-Nerds wie Pierre Omidyar, Larry Page, Steve Wozniak, Mark Zuckerberg — die Gründer von Ebay, Google, Apple und Facebook — wird die Rache der in Kindheit und Jugend oft gedemütigten und dann früh in der digitalen Welt höchst erfolgreichen Personen beschrieben:

„An die Alpha-Tiere/Und die Sportskanonen/An die dummen Schläger/Die mich niemals schonten/An die fiesen Mädchen/Und die Arschloch-Lehrer/Die mit Sätzen wie/‚Du musst dich auch mal wehren‘ (…) Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache/Ich programmier eure Welt/Und mach das dann zu Gold (…) Und ihr schüttelt die Köpfe und hättet nicht gedacht/Dass der Freak von damals sich das Leben wiederholt (…) Ich erinnere mich an die ganzen Heimwege/Ich erinnere mich an die Schulhofschläge/An meine endlose Scham und an Mamas Gesicht (…) Oh ich bin nicht verzweifelt, ich hab’s doch geschafft (…) Jede Wunde heilt und das Blut gerinnt“ (12).

Dies könnte auch auf den in Südafrika geborenen Elon Musk zutreffen, der dort als Schüler übelste Mobbing- und Gewalterfahrungen machen musste. Im Interview mit Mathias Döpfner erzählt er davon:

„Man muss wissen, dass Südafrika ein sehr gewalttätiger Ort ist. Gewalt ist dort normal. Und ich spreche nicht von verbaler Gewalt. Ich bin einmal fast zu Tode geprügelt worden. Das war ziemlich knapp. Ich war eine Zeit lang im Krankenhaus.“

Eine Gruppe Schüler hatte ihn eine Treppe hinuntergestoßen und dann bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Als sein Vater ihn im Krankenhaus — in dem er zwei Wochen bleiben musste — besuchte, war Elon so entstellt, dass, berichtete Vater Errol Musk, „ich ihn nicht erkannt habe“ (13, 14).

Vom Firmenchef Elon Musk erzählt Die Welt, dass er in Konferenzen oft laut werde, Mitarbeiter bloßstelle und „schmerzhaft direkt“ sei. Auch Prahlerei ist ihm nicht fremd: Er findet großen Gefallen an seiner Berühmtheit und äußerte einmal, sein Leben sei 90 Prozent Ingenieur und 10 Prozent Playboy. Sein Credo:

„Wir wollen eine Zukunft haben, die aufregend und inspirierend ist. Es ist wichtig, Freude bei dem zu empfinden, auf das man hinarbeitet. Es kann nicht nur darum gehen, dass man morgens aus dem Bett aufsteht, um Probleme zu lösen“ (15).

Doch Musk kann auch sehr zurückhaltend sein. Ashlee Vance, der Biograph des Unternehmers, sagte der Welt: „Er benimmt sich im kleinen Kreis nicht wie ein Alphamännchen. Da ist er fast schon schüchtern.“ Vance berichtet von einem Abendessen mit Musk, dass dessen Händedruck kurz sei und der Kopf oft gesenkt. „Er braucht immer ein paar Minuten, bevor er in Gesellschaft warm wird.“

Auch allein ist Musk nicht gerne. Und öffentliche Verkehrsmittel benutzt er nicht, weil sich unter den Fahrgästen ein Serienmörder befinden könnte (16). Im Zuge einer Diskussion über Einzel- und Massenverkehrsmittel kam es Ende 2017 zu einem heftigen Disput Musks mit dem ÖPNV-Experten Jarrett Walker und dem Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman (17, 18, 19). Walker warf Musk vor, bei seinem Widerwillen, Platz mit Fremden zu teilen, handle es sich um einen Luxus oder eine Pathologie, die sich nur Reiche leisten könnten; nach deren Neigungen konzipierte Verkehrsmittel seien nicht für die Mehrheit der Bürger geeignet. Musks erste Erwiderung via Twitter: „Du bist ein Idiot.“ Musks zweite Erwiderung: „Entschuldigung.“ Musks dritte Erwiderung: „Ich wollte ‚scheinheiliger Idiot‘ sagen.“ Darauf Paul Krugman, ebenfalls per Twitter: „Elon Musks Vorstellung eines überzeugenden Arguments: ‚Du bist ein Idiot‘.“

Und während in Wiebuschs Song das singende Ich nur von Hotelsuiten, teuren Champagner, Porsches und Schlange stehenden Mädchen träumt, muss es für Musk der Mars sein. Der Mond ist nicht genug. Musk sagte:

„Ich finde die Vorstellung cool, auf der Erde geboren zu sein und auf dem Mars zu sterben. Aber nicht gerade, wenn eine Landung stattfindet.“

Und, fragen wir uns, wer wird mitgenommen auf den Roten Planeten?

Jens Spahn?

„Charmante Rede damals. Aber sorry, bis auf den letzten Platz ausgebucht.“

Markus Söder?

„Netter Versuch.“

Christian Drosten?

„Immer noch auf der Flucht.“

Karl Lauterbach?

„Hat sich auf Ebay ein gefälschtes Ticket andrehen lassen.“

Ein weiteres von Musks vielen Projekten ist der Hyperloop (20). In einer Doppelröhre sollen abgeschlossene Kapseln für 28 Personen auf Luftkissen bis zu 1.220 Kilometer pro Stunde beschleunigt werden und zum Beispiel eine 600 Kilometer lange Strecke in 35 Minuten absolvieren. Vielleicht fährt Musk, falls das Projekt verwirklicht wird, ja mal mit, um sich seiner Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln zu stellen. Hoffentlich vergisst er nicht zu stempeln.


Quellen und Anmerkungen:

(1) http://epaper.welt.de/archiv/list/?etag=2020-12-05
(2) https://www.ikiosk.de/shop/epaper/welt-am-sonntag/833732.html
(3) https://www.welt.de/wirtschaft/article223136654/Axel-Springer-Award-2021-an-Biontech-Gruender-Oezlem-Tuereci-Ugur-Sahin.html
(4) https://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/spacex-rakete-explodiert-bei-landung-elon-musk-ist-trotzdem-zufrieden-a-2a3daa5c-1bcb-4f92-baa9-0b3edb7b4eb4
(5) https://www.tagesschau.de/ausland/iss-nasa-spacex-101.html
(6) https://www.stern.de/wirtschaft/news/warum-elon-musk-die-zerschlagung-von-amazon-fordert-9290766.html
(7) https://www.amazon.com/-/de/gp/product/B08FCQNS2J?ref_=dbs_dp_rwt_sb_tpbk&binding=paperback
(8) https://www.tagesschau.de/wirtschaft/tesla-corona-101.html
(9) https://teslamag.de/news/neue-corona-sperre-kalifornien-tesla-weiter-produzieren-noch-31343
(10) https://www.amazon-watchblog.de/jeff-bezos/2124-brief-jeff-bezos-coronakrise-bekaempfen.html
(11) https://www.logistik-watchblog.de/unternehmen/2420-streiks-amazon-lagern-mangelnder-hygiene-massnahmen-trotz-coronafaelle.html
(12) http://www.marcuswiebusch.de/Marcus-Wiebusch-Texte.htm
(13) https://de.wikipedia.org/wiki/Elon_Musk
(14) https://www.news24.com/News24/Bryanston-High-School-saddened-by-Elon-Musk-bullying-20150723
(15) https://www.fr.de/wissen/elon-musk-spacex-mars-menschen-starship-zr-90120454.html
(16) https://www.bloomberg.com/news/articles/2017-12-20/elon-musk-doesn-t-understand-why-mass-transit-succeeds
(17) https://de.wikipedia.org/wiki/Elon_Musk
(18) https://twitter.com/elonmusk/status/941551760799277056
(19) https://twitter.com/paulkrugman/status/943105389800951809
(20) https://de.wikipedia.org/wiki/Hyperloop


Thomas Castellini, Jahrgang 1967, ist Autor und Fotograf. Er war viele Jahre als Lektor tätig und arbeitet heute als Texter für mehrere Agenturen.

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