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Rückblick für die Zukunft

ein Artikel von Dirk Meisinger

In Vorbereitung auf die Wintersonnenwende und die sogenannte Zeit zwischen den Jahren, auch als Rauhnächte oder Losnächte bekannt, blicken Viele zurück auf das vergangene Jahr. Sie rufen sich vieles in Erinnerung zurück und verarbeiten das Geschehene. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Manche unbewusst, manche nach streng festgelegten Ritualen. Eine Zeit des Loslassens und der Reinigung, um befreit von alten Ballast in das neue Jahr starten zu können.

Gerade das Jahr 2020, in dem weltweit Veränderungen bislang nicht vorstellbaren Ausmaßes stattgefunden haben und nahezu alles auf den Kopf und in Frage gestellt worden ist, schreit förmlich nach Aufarbeitung.

Auch ich habe zurückgeblickt. Dabei bin ich viel weiter zurückgegangen, als ich es die Jahre zuvor getan habe. – Weit vor das vergangene Jahr.

In meiner Schau nach innen habe ich zurückgeblickt auf die Zeit meiner frühen Kindheit. Dem tiefen inneren Bedürfnis folgend, das herauszuarbeiten, was ich an Belastendem loslassen, was ich hinter mir lassen möchte. Aber auch den Blick dafür frei zu bekommen, was ich aus der Vergangenheit in die Zukunft mitnehmen, aus dem ich Zuversicht und Kraft schöpfen möchte.

Denn Kraft und Zuversicht braucht es zur Zeit mehr denn je.

Schließlich verheißt die derzeit von den Regierenden eingeschlagene Marschrichtung nichts Gutes. Die Mischung aus Angstschüren, Verunglimpfen, Spalten, Gängeln und Drohen nimmt immer abstrusere, bizarre, ja wahnwitzige Züge an. Wann ist es soweit, dass hier irgendwem der Kragen platzt oder die Sicherungen durchknallen? – Nein, von Krieg möchte ich nicht sprechen, aber was hier gegen die Menschen geführt wird, kommt dem schon sehr nahe. Und nach dem großen Knall, wenn sich die Staubwolken gelegt und die Wellen geglättet haben, werden wir in den Trümmern stehen. Mit zutiefst verstörten, Orientierung und Ziele suchenden Menschen zwischendrin. Menschen, die nichts weiter im Sinn haben, als dem Desaster zu entrinnen und sich eine Zukunft aufzubauen. – Von der Situation her vergleichbar mit der letzten Nachkriegszeit.

Sie wird kommen, diese Zeit. Und es wird voraussichtlich Parallelen geben zu dem, was einige von uns noch in Erinnerung haben. Dem Ergebnis eines Narrativs, dem viel zu viele Menschen allzu lange bereitwillig und wie mit Scheuklappen gefolgt sind. Von 1933 bis 1945. – Das Ende und die Auswirkungen sind hinlänglich bekannt. Und auch das Danach – Reinigung, Neuausrichtung und Wiederaufbau. Mit einfachsten Mitteln und der Besinnung auf das, was die Natur zum Überleben zu bieten hatte.

Ich zähle zu jener Generation, die in die jüngere Nachkriegszeit hineingeboren worden ist. Und ich kann mich noch gut an einiges von damals entsinnen.

Ich habe also zurückgeblickt. Zurückgeblickt für die Zukunft. – Und davon möchte ich berichten.

Die ersten Lebensjahre habe ich in einem Haus am Rand einer größeren Stadt in Nordhessen verbracht. Zusammen mit meinen Eltern, Groß- und Urgroßeltern. Sieben Personen. Meine Eltern teilten sich das Bad mit WC mit den Großeltern in deren Wohnung. „Unser Wohnzimmer“ befand sich auch auf der Etage der Großeltern.

Warmes Wasser aus Wand ja, aber nur, wenn die Koks-Zentralheizung in Betrieb war.

Die größeren Elektrogeräte im Haus sind schnell aufgezählt: drei Elektroherde, ein Kühlschrank, ein Staubsauger

Die Zahl der Kommunikations- und Unterhaltungsgeräte war noch überschaubarer: eine „aus dem Stück gefeilte“ Schreibmaschine meines Urgroßvaters und ein Röhrenradio meines Vaters

Das fast 2.000 m² große Grundstück war bis auf die Gebäude- und Wegeflächen sowie die Wäschebleiche vollends unter dem Spaten meines Großvaters. Jede Menge Obstbäume und Beerensträucher.

Hinter dem Wohnhaus ein kombinierter Ziegen-Hühnerstall in etwas besserer Bauweise, daneben ein verbrettertes Hühnerhaus. Zu meiner Eintrittszeit in die Familie allerdings schon unbewohnt.

Kartoffeln und Äpfel wurden eingelagert. Falläpfel zu Mus verarbeitet oder gemostet.

Ansonsten jede Menge Himbeersaft, eingemachtes Obst und Gemüse, Kompott, Mus, Marmelade und Gelee. Lecker – bis auf die eingemachten Erdbeeeren, die ich nie gemocht habe. – Die mag ich auch heute noch nur frisch und pur – ohne jedes Gedöns.

Gern denke ich noch an den Joghurt zurück, den meine Oma selbst produzierte. – Mit SIESA, einem Leinsamen-Granulat mit Molkeneiweiß aus dem Reformhaus bestreut war er für mich der perfekte Tageseinstieg.

Wenig totes Tier auf dem Teller. Wenn, dann sonn- und feiertags. Braten, Rouladen oder, wenn‘s hoch kam, Schwalbennester aus Kalbfleisch. Ab und an mal Hackbraten. Auch gern „Beamtenstippe“: kleingewürfelte Zwiebel und gemischtes Hackfleisch in Butter angebraten, mit Mehl überstäubt, mit Wasser abgelöscht und zu einer sämigen Masse verrührt, abgeschmeckt mit Salz, Pfeffer und Frugola – ja, auch aus dem Reformhaus. Dazu Pellkartoffeln als Sättigungsbeilage und Saure Gurken oder Salat.

Ansonsten eher Vegetarisches und meine Leibspeisen: Pellkartoffeln mit Schmand, Kräuterquark oder Grüner Soße.

Gescheibte Rote-Beete, die meine Oma einweckte, und – ich weiß nicht wie, aber immer unvergleichlich geschmackig hinbekam. Dazu Kartoffelbrei mit viel guuuuuter Butter, Eigelb und einem Hauch Muskatnuss sowie Spiegeleier. – Ein Genuss!

Für mich das Größte waren ab und an die Mitbringsel meiner Großeltern aus dem Reformhaus: Rotbäckchen, ein nugatähnlicher Aufstrich sowie so leckere kleine Schnittchen aus Marzipan und Früchte-Nuss-Mix zwischen Obladenplättchen.

Vermisst habe ich damals nichts. – Mir ging‘s saugut. Zwei hölzerne Leiterwagen, die ich mit Begeisterung durch den Garten zog. Einen großen, der vormals zum Holzholen und einen kleinen, der zur Futterbeschaffung für die Ziege gedient hatte. – Später dann Spielzeug für MICH!

Einzig mein Wunsch, ein Kinder-Schlagzeug zu haben, erfüllte sich nicht so wie von mir gehofft. Ich bekam zwar eines, aber dann bemerkten die Erwachsenen um mich herum sehr rasch, dass das wohl keine so gute Idee gewesen ist – und das gute Stück war schneller verschwunden, als es gekommen war.

Meinem Großvater danke ich heute noch von ganzem Herzen für das, was er mir an Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit der Natur vermittelt hat und für die Geschichten, die er mir in den Mittags-Ruhepausen so aus der Phantasie heraus erzählte. – Sollte das etwa besser gewesen sein, als das, was den heutigen Kindern an Fernsehunterhaltung geboten wird?

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber vielleicht schließt sich ja nun ein Kreis für mich. Hier und jetzt, mitten in Thüringen, auf einem ehemaligen Bauernhof in einem kleinen Dorf lebend, die Natur rings um mich herum, ein verwaistes Hühnerhaus im Garten stehend … – was ist das Ende, was der Anfang oder umgekehrt? – Mit-und-Füreinander. In Freiheit und Frieden, achtungsvoll im zwischenmenschlichen Umgang und im Einklang mit der Natur. Gestern, heute, morgen erst recht.

Ich habe sie noch vor Augen, die Spuren, die der letzte vor meiner Geburt herrschende Irrsinn hinterlassen hat.

Die notdürftig eingedeckte Einschlagstelle einer Brandbombe im Dach „unseres“ Hauses und die über drei Etagen verteilten Brandflecken in den Dielenböden

Die an der Fassade angebrachten Wegweisungen zum Luftschutzkeller

Die Kennzeichnungen und Hinweisschilder an den Türen der Gasschleuse des Luftschutzkellers

Die im Luftschutzkeller noch verewigten Verhaltensregeln mit Anleitungen zum Tragen von Masken

Den Abdruck eines Gewehrschaftes im Schlossbeschlag „unserer“ Haustür, den ein GI hinterlassen hat, als er sich auf der Suche nach „Gefährdern“ gewaltsam Zutritt verschaffte

Ich will so etwas nicht mehr sehen – nie wieder.

Keine Aushänge mit symbolisierten Masken, keine entsprechenden Info- und Hinweisschilder, keine Markierungen auf Wänden und Böden. – Standen sie vor 1945 noch im Zusammenhang mit einer konkreten Gefahr und in den Nachkriegsjahren als stumme Zeugen davon, so sind sie heute reine Suggestion! – Sie sind durch nichts, aber auch gar nichts gerechtfertigt! – Vorgestern nicht, gestern nicht und heute auch nicht. – Schluss mit dem Wahnsinn und weg damit!

Ich möchte dies alles loslassen.

Ich schreibe dies alles auf einen Zettel, den ich am 21. Dezember verbrennen werde.

Ich werde mir 13 Wünsche für das kommende Jahr auf jeweils einen Zettel schreiben.

Diese Zettel werden mich in der Zeit zwischen den Jahren begleiten.

Ich werde in jeder Rauhnacht einen dieser Wunschzettel verbunden mit einem Segenswunsch als Samen in die Erde geben, dass er aufgehe, sich mein Wunsch erfülle.

Ich werde die Tage nutzen! – Für eine angstfreie, dem Natürlichen sowie der Freiheit, Achtsamkeit und Liebe, dem Frieden zugewandte Zukunft.


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