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Schluss mit dem Mindfuck

Es ist nicht so wichtig, welche Erklärung für die desaströse Politik der Mächtigen zutrifft — was zählt, ist, dass wir ihr entschlossen ein Ende setzen.

von Rubikons Weltredaktion

Wenn Ihnen die Argumente mal ausgehen, verzagen Sie nicht — bezeichnen Sie die Meinungsäußerung Ihres Gegners einfach als „Verschwörungstheorie“, und die Sympathien aller Anständigen im Land sind Ihnen sicher. Gegen bestimmte Theorien wird seitens der Medien so hartnäckig gehetzt, dass man fast auf den Gedanken kommen könnte, diese seien wahr, jedoch für den Machtapparat gefährlich. Etwa die Annahme, eine geheime „Weltregierung“ plane einen kontrollierten Zusammenbruch der Weltwirtschaft und einen globalen Reset. Trotzdem — und das mag für viele Leserinnen und Leser jetzt eine Überraschung sein — ist auch unser Autor ein Gegner von Verschwörungstheorien. Nicht weil sie unbedingt falsch sein müssen, sondern weil sie dem Problem, das sie beschreiben, nicht abhelfen. Gerade Intellektuelle sollten endlich aufhören, nur zu spekulieren und ins Handeln kommen. In Anlehnung an Karl Marx könnte man sagen: Die Philosophen haben die Corona-Diktatur nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu stürzen.

von Darren Allen

Dies ist eine Fortsetzung meines viel geteilten Textes „Idealisten außer DienstThe Reaction of the Left to Lockdown“, in dem ich Dissidenten und Radikale wie Media Lens, Noam Chomsky, John Zerzan und andere dafür kritisierte, die Reaktion auf das Coronavirus unkritisch zu akzeptieren.

„Die (…) Betrachtungsweise der Welt, (…) welche uns ihr inneres Wesen erkennen lehrt und so über die Erscheinung hinaus führt, ist gerade die, welche nicht nach dem Woher und Wohin und Warum, sondern immer und überall nur nach dem Was der Welt fragt“ — Arthur Schopenhauer.

Warum haben alle Regierungen der Welt Lockdowns verhängt? Niemand weiß es sicher. Zuhauf gibt es Menschen, die behaupten, sie wüssten es sicher — aber niemand weiß es.

Das heißt nicht, dass es nicht plausible Antworten gäbe, für die mehr spricht als für andere. Unterziehen wir also die vier populärsten Versionen einer kurzen Prüfung:

1. Die Regierungen sind ernsthaft besorgt um unsere Gesundheit.

Dies ist die offizielle Version, und schon allein aus diesem Grund kann sie mehr oder weniger umgehend und vollständig verworfen werden. Ungeachtet dessen scheinen viele Menschen zumindest implizit davon überzeugt zu sein. Regierungen interessiert unsere Gesundheit nicht genug, um irgendetwas gegen völlig vermeidbare Krankheiten zu unternehmen, die das Coronavirus wie eine … ähm … schwere Erkältung aussehen lassen — wie beispielsweise Tuberkulose (doppelt so tödlich wie Covid-19), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (22-mal so tödlich) oder sogar Krebs (12-mal so tödlich).

Auch Verkehrstote (beinahe doppelt so viele Tote wie Covid-19) oder Suizide (gleichviel Tote) beunruhigen sie nicht besonders. Ebenso waren sie nicht allzu besorgt bei den Grippepandemien in den Jahren 1957 und 1968, die jeweils mehr Menschen töteten als das Coronavirus. Selbst Grippeepidemien in jüngster Zeit wiesen eine vergleichbare Sterblichkeit auf. Doch plötzlich, mit einem Mal, haben alle Regierungen der Welt beschlossen, dass sie ein ausgesprochenes Über-Interesse an unserer Gesundheit haben — jetzt, bei dieser Krankheit mit einer Überlebensrate von mehr als 99,9 Prozent.

Natürlich setzt all das voraus, dass die offiziellen Zahlen, die man bei Google findet, korrekt und nicht durch die Einbeziehung derjenigen aufgeblasen sind, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, aber aus anderen Gründen starben. Wenig plausibel wird auch davon ausgegangen, dass der Lockdown bewirkt hat, die Zahlen niedriger zu halten, als sie andernfalls gewesen wären, und dass Schweden als irgendeine Art Freak-Anomalie oder sogar als Scheitern zu verstehen ist, da selbst in Norwegen weniger Menschen gestorben sind. Und wir wollen gar nicht erst von Japan reden.

Aber nein, nein, nein: Das Coronavirus war so schlimm wie dargestellt, und tatsächlich schlimmer als alles andere auf Erden, und die Behörden mussten beginnen, die Welt in ein Online-Hochsicherheitspanoptikum zu verwandeln. Und sie mussten uns dazu bringen, überall Masken zu tragen und Versammlungen von mehr als 30 Menschen auszumerzen sowie Millionen in die Arbeitslosigkeit zu treiben. Sie mussten das tun, denn sie sind besorgt um uns.

2. Es war ein Unfall.

Die Art Unfall: „Hoppla, wir sind versehentlich in ein ressourcenreiches, strategisch günstig gelegenes Land mit einem Diktator, der nicht willfährig ist, einmarschiert.“ — jene Sorte Unfall, in die wir durch unseren berühmten „Goodwill-Überschuss“ immer wieder geraten. Eine tödliche Pandemie schien sich auszubreiten, die Gesundheitssysteme der Welt schienen bedroht, und so schien es das Beste, die Armen zugrunde zu richten, einen beispiellosen Vermögenstransfer an eine winzige elitäre Gruppe herbeizuführen und die Macht eines mittlerweile völlig rechenschaftsbefreiten Staates zu vergrößern.

Wie bei all unseren anderen Fehlentscheidungen ist es nur ein Zufall, dass die Lösung letztendlich denen zugutezukommen scheint, die sie herbeiführen. Allerdings könnte es sich einfach um einen klassischen Fall von „Katastrophenkapitalismus“ handeln, bei dem sich das Kapital selbstzerstörerisch in einen Tsunami oder Asteroideneinschlag stürzt. Das Virus war ein grausamer Schicksalsschlag und die Regierungen wussten ihn sich augenblicklich zunutze zu machen.

Die Unfalltheorie kann gewiss nicht völlig ausgeschlossen werden — herrschende Eliten sind notorisch inkompetent und die Geschichte ist überhäuft von den Trümmern ihrer erschreckend schlechten Entscheidungsfindung und dem sogenannten Katastrophenkapitalismus. Das „natürliche“ Chaos und die Katastrophen nutzend, um jede Opposition zu zerschlagen, um sie als Rechtfertigung für eine verstärkte Repression zu gebrauchen und so weiter — ist ohne Zweifel eine zentrale Komponente der Funktionsweise des Systems. Aber es bleibt bestehen.

Allerdings hat die Geschichte ein paar Schwachstellen. Erstens scheint es dokumentierte Planungen zu geben, Aufzeichnungen von vorbereitenden Treffen und Vorfälle, die nahelegen, dass so etwas schon seit einer Weile in der Luft lag. Zweitens gibt es gute Belege dafür, dass schon die ersten Berichte von einem Pandemie-Chaos aufgebläht waren — die den herrschenden Eliten sicher bekannt waren. Und drittens: Warum hielten — und halten — die Behörden, nachdem deutlich wurde, dass die Intensivbetten nicht überfüllt sein würden, dass unsere Gesundheitssysteme nicht zusammenbrechen würden, dass die ganze Angelegenheit praktisch vorbei ist, an repressiven Maßnahmen fest, die zur Eindämmung ergriffen wurden? Wenn alles ein Unfall war, scheint es einer zu sein, den niemand stoppen kann.

3. China war‘s.

Einige behaupten, die ganze Sache sei in Peking ausgeheckt worden. Entweder wurde das Virus selbst in China fabriziert oder die Panik oder beides. Dafür gibt es zwei ziemlich stichhaltige Gegenargumente: Zum einen ist das kein Grund, warum wir sechs Monate später mit Gesichtsmasken, Lockdowns, Impfstoffentwicklung et cetera weitermachen sollten, und zum anderem ist es ein bisschen unwahrscheinlich, dass all die Sicherheitsbehörden des Westens etwas übersehen haben sollten, wofür auf Twitter ein paar idealistische Einzelkämpfer ausreichten, um das zu entdecken — aber es ist durchaus möglich.

Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) wird von denselben armseligen Teufelsbraten geführt wie jedes andere Land auf der Erde, und sie sind inzwischen ungeheuer mächtig: Warum also sollten sie nicht etwas Kühnes wagen, um ihre wachsende Kontrolle über die Welt zu zementieren? Es scheint wenig Sinn zu machen, eine derartige Idee zu akzeptieren — besonders weil China ein offizieller Feind ist und es allzu bequem erscheint, diesen zu dämonisieren –, aber es gibt keinen Grund, es völlig auszuschließen.

4. Die Weltregierung war‘s.

In Zusammenarbeit mit den Supereliten der Welt haben das Weltwirtschaftsforum WEF und die Gesundheitsorganisation WHO einen „Großen Neustart“, den Great Reset, von langer Hand geplant — eine kontrollierte Zerstörung der Weltwirtschaft, um danach eine grauenvolle, sich selbst regulierende, antisoziale Todesmaschinerie wiederaufzubauen. Einige fügen ihrem heimtückischen Plan eine Bevölkerungsreduktion hinzu, die überlastete Erde von ein paar Milliarden befreien, dann den Rest von uns an die Matrix anschließen und mit Marc Zuckerberg, Jeff Bezos und ein paar Supermodels auf Bransons Island ausspannen.

Ich persönlich kann nicht erkennen, wie Entvölkerung überhaupt ein realisierbarer Plan sein könnte, selbst für diese Monster. Denn: Wie um alles in der Welt ließe sich sicherstellen, dass die richtigen Menschen überleben? Tatsächlich fällt es mir schwer zu glauben, dass ein gigantischer zentraler Plan hinter dem Lockdown steckte. — Ich meine: All die Tausend und Abertausend Menschen an den Spitzen der Staatspyramiden wurden alle von oben nach unten organisiert und koordiniert, um die Gesellschaft auszulöschen — ohne, dass auch nur ein Tröpfchen Information durchgesickert wäre? Das ist einfach Blödsinn.

Aber: Zweifelsohne gibt es mächtige Menschen mit Verantwortung für die Welt, mächtiger als Regierungen, und sie treffen zweifelsohne Entscheidungen zu ihren eigenen Gunsten, aber ganz und gar nicht zu unseren. Und diese Geheimnisse geschehen im Privaten, im Verborgenen, also liegt es nahe, dass sie irgendeinen Plan haben, und es ist sehr gut möglich, dass dieser Plan zumindest die Regierungschefs beeinflusst hat, die ebenso folgsam sind wie gewöhnliche Bürger. Beispielsweise gab es keine Verschwörung, alles Toilettenpapier aus den Läden zu hamstern, alle haben das getan, weil sie verängstigt, folgsam waren und eine Scheißangst hatten.

Aber dennoch lässt man uns im Dunkeln. Niemand weiß es tatsächlich, worauf die unterwürfige Linke — die „wartet bis die Fakten vorliegen“, ehe sie urteilt — eifrig hinweist. Das alles ist nur Twitter-Rauch und Facebook-Reflexion. Gewiss gibt es Indizien, die einen frösteln lassen, aber vor dem Hintergrund der außerordentlichen Geheimhaltung, von der sogar kleine Unternehmen, ganz zu schweigen von immens mächtigen Eliteorganisationen, beherrscht werden, ist alles, was aufgedeckt wird und ihre heimtückischen Pläne offenlegt, Prima facie — bis auf Widerruf — verdächtig. Es könnte sich herausstellen, dass nichts, was den schlimmsten Ängsten der Lockdown-Skeptiker entspricht, geschieht. Ich würde darauf nicht wetten, aber sicher ist es nicht.

Das sind also die Versionen. Ohne Zweifel liegt die Wahrheit in einer Mischung aller vier. Ich würde zu 55 Prozent auf Version 4 setzen: eine schwache Variante davon — mittels Beeinflussung und nicht mittels verrückt-verzweifelter Kontrolle; zu 35 Prozent auf Version 2: das System und seine Manager schlagen Profit aus einer globalen Krise; zu 7 Prozent auf Version 3 und — da es sogar in den Eingeweiden der Bestie gut gesinnte Menschen gibt — zu 3 Prozent auf Version 1.

Meine persönliche Lieblingstheorie ist, dass die Eliten im vollen Bewusstsein der Schrecken des bevorstehenden Zusammenbruchs Pläne geschmiedet haben, um ihre Bevölkerungskontrolle zu erhöhen, und dieses Ereignis, egal, was es verursacht hat, war eine Vorstoß — entweder als günstige Gelegenheit oder geplant oder eine Mischung aus beidem — in diese Richtung.

Ihre Vermutung wird wahrscheinlich eine andere sein, und die Wahrheit — wenn wir jemals herausfinden, was sie wirklich ist — wird ohne Zweifel wieder eine andere sein. War es vielleicht nur ein großer Fehler? Das ist möglich. Oder steckt vielleicht wirklich eine interdimensionale, formwandelnde Brüderschaft hinter allem? Oder sollen wir vielleicht alle in die nächste Version von Windows hochgeladen werden?

Aber letzten Endes ist das egal.

Hier eine Analogie: Angenommen, Sie wachen übellaunig auf: grundlos gereizt, mit einer merkwürdigen Gespanntheit im Magen, die an ihrem Wohlbefinden zehrt und Sie nach den Menschen in Ihrem Umfeld schnappen lässt. Die witzige Seite jeder Sache bleibt Ihnen verborgen, das Leben ist eine Last, die Zukunft sieht doppelplusschlecht aus. Warum? Sie beginnen über die Gründe nachzudenken. Ist es Ihre Frau? Gewiss, sie ist nervig an diesem Morgen. Ist es der Döner gestern Abend? Der war ganz schön fettig und Sie fühlen sich ziemlich mies. Ist es die Arbeit? Die ist jedenfalls Scheiße. Ist es einfach ein zufälliger Schicksalsschlag? Tragen Sie die Schuld daran? Jemand anderer oder etwas anderes? Sie gehen Ihre Probleme durch, auf der Suche nach dem Warum, Warum, Warum; aber seltsamerweise geht diese Spannung, obwohl Sie Antworten finden, die fraglos korrekt sind, nicht weg. Eher wird sie schlimmer.

Sehen Sie, wohin das führt? Wie ich in meinem Artikel über die schädlichen Nachwirkungen der Lockdowns herausgearbeitet habe und wie ich gerade weiter oben gezeigt habe, ist die Jagd nach einem „Warum“ keine gänzlich nutzlose Tätigkeit. Vielleicht frustriert Sie die Arbeit und macht Sie traurig? Wenn Sie nicht bemerken, wie sie Ihnen die Energie raubt, können Sie auch nichts dagegen unternehmen. Vielleicht hasst ihre Frau Sie tatsächlich, oder vielleicht zieht Ihre Diät Sie herunter und Sie müssen diese Dinge erkennen und etwas dagegen tun?

Oder vielleicht ist es nur der Biorhythmus und der Merkur ist rückläufig. Aber decken solche Spekulationen — solches Theoretisieren — jemals das wirkliche Problem auf? Oder lösen Sie es? Führt ein Tag des Nachdenkens über Ihre Probleme jemals dazu, dass Sie sich besser, klarer, entschlossen fühlen? Befreit es Sie von der nicht enden wollenden Achterbahn aus Aufs und Abs, auf der Sie Ihr Leben verbringen, wenn Sie einen Scheißjob kündigen, einen lieblosen Partner verlassen oder erfolgreich Diät halten? Oder stellen Sie fest, dass es gar nicht lange dauert, bis Sie wieder unzufrieden sind?

Über Ihre persönlichen Probleme zu theoretisieren und über die Probleme der Welt zu theoretisieren ist bis zu einem gewissen Punkt hilfreich, aber darüber hinaus dient es nur dazu, Sie vom Aktuellem, der Wirklichkeit abzulenken. Im betrachteten Fall — dem Zustand einer dystopischen Welt — ist die Wirklichkeit, dass wir in einem Weltsystem leben, das sich nicht erst vor ein paar Jahren herauszubilden begann, seit Bill Gates beschloss, die Menschheit upgraden zu wollen; das nicht erst in den vergangenen fünfzig Jahren entstanden ist, seit man Grenzen niedergerissen hat, um die Schuldenwirtschaft in die interplanetare Stratosphäre zu schießen; das sich nicht einmal vor fünfhundert Jahren zu bilden begann, als die Eliten der Welt beschlossen, Land und Arbeit in Waren zu verwandeln und — wörtlich und bildhaft — auf den Markt zu peitschen. Das System entwickelt sich seit zehntausend Jahren.

Wir leben nicht einfach in einem imperialistischen Land oder auf einem kapitalistischen Weltmarkt, sondern in einer Weltzivilisation, deren zentrumsferne Grundlagen — Ausbeutung von Natur und menschlicher Natur — ebenso wie die zentrumsnahen — unsere ichbezogenen Ängste und Abhängigkeiten — so weit in der Zeit, so weit hinaus im Raum und so tief in unser bewusstes Erleben zurückreichen, dass es beinahe unmöglich ist, sie wahrzunehmen; daher die übergroße Anziehungskraft medial vermittelter Verursacher: Regierungen, Berühmtheiten, Kapitalismus, Kommunismus, Ausländer und Verschwörungskabalen.

Was tatsächlich „hinter“ unserer dystopischen Welt liegt, geht viel, viel tiefer als irgendein Plan oder irgendeine Verschwörungstheorie, die jemals entwickelt werden könnten.

Die inhumanen Ursachen und endzeitlichen Konsequenzen unserer Zivilisation sind in Wahrheit dieselben, wie die der „Sub-Zivilisationen“, die unserer vorausgingen — die verschiedenen Prototypen, die entstanden sind, seit die erste menschliche Maschine im antiken Mesopotamien zusammengebaut wurde — und die sich entweder durch Übernutzung ihrer Ressourcenbasis selbst zerstört haben oder sich durch auf der Ausbeutung von Männern und Frauen beruhendem hyperinflationären Diebstahl und daraus resultierenden sozialen Unruhen selbst auslöschten.

Es gibt ein äußerst starkes Argument — formuliert von Lewis Mumford, Jacques Ellul und Ivan Illich — dafür, dass diese Ausbeutung auf einer Technologie aufbaute, die nun, nach zwei Jahrhunderten postindustrieller Entwicklung, so tief in alles eingedrungen ist und alles so stark durchdringt, dass es den Laden selbstständig am Laufen hält.

Wir sind noch nicht so weit, dass HAL 9000 übernehmen könnte, aber das ist nicht das Thema; Menschen sind inzwischen so abhängig von einem beinah unermesslich komplexen und mächtigen technokratischen System mit eigenen Bedürfnissen, Forderungen, eigener Logik und Macht, dass es gleichgültig ist, wer an der Macht ist oder was die Mächtigen erreichen wollen. Sie müssen der Technologie dienen, weshalb letztendlich, egal wer regiert — Sozialisten, Kapitalisten, Faschisten, Prinzen oder Priester —, immer der Technologie gedient wird.

Schließlich wird der Leviathan, der die Erde verschlingende Supercomputer, an den wir alle angeschlossen sind, nicht einfach mit riesigen Energiemengen, unersetzbaren petrochemischen Produkten und Seltenerdmetallen betrieben, für die wir die Wildnis austilgen, um sie zu erlangen, zu benutzen und zu entsorgen. Er wird mit uns betrieben — nicht nur materiell, sondern auch psychologisch. Wir sind in einer Weise von der Welt abhängig, der sich nur wenige von uns bewusst stellen können. Nicht die auffälligen Reptilien sind es, die die Welt, in der wir herumstolpern, gebaut haben — wir sind es, wir alle, die ganze Zeit, seit Tausenden von Jahren.

Unzählige „zufällige“ Gesten, „logische“ Zweckmäßigkeiten, „gerechtfertigte“ Kavaliersdelikte und „gewöhnliche“ tägliche Aktivitäten haben dazu beigetragen und tragen täglich dazu bei, den Monolithen zu erbauen. Aber dies zu sehen, unser wahres Leben im realen System wahrzunehmen, zu erkennen, wie pathetisch abhängig wir davon sind — domestiziert ist das korrekte Wort – und zu versuchen, uns tatsächlich aus der systemischen Konditionierung zu befreien — den Baum zu entwurzeln in den angsteinflößenden Tiefen, statt sich in den intellektuellen Zweigen herumzutreiben — all das würde natürlich bedeuten, wirklich etwas an unserer Art und Weise, wie wir empfinden und handeln und tatsächlich leben, zu ändern. Keine Chance. Einfacher ist es mit dem Finger auf George Soros und seine abstoßenden Spießgesellen zu zeigen.

Und das passt den Mächtigen wuuunderbar ins Konzept. In vergangenen Tagen und roheren Orwell‘schen Formen des Systems konnte ein kritisches Wort, erhoben gegen den König, Sie den Kopf kosten, aber ein fortgeschrittenes dystopisches System — die Art, die Franz Kafka, Aldous Huxley und Philip K. Dick vorhersagten (1) — toleriert und regt sogar zu Spekulation darüber an, was die Mächtigen im Schilde führen. Das ist so, weil Verschwörungstheorien letztlich der Macht dienen.

„Verschwörungstheorie“ ist der korrekte Terminus für alle Theorien darüber, was eine Gruppe von Machthabern konspirativ tut.

Da sich alle mächtigen Menschen in der Tat verschwören — und zwar heimlich und in Räumen — sollte man erstens erwarten, dass diejenigen ohne Macht versuchen, ihre Pläne aufzudecken, zweitens, dass eine gewisse Anzahl dieser Entdeckungen falsch ist, und drittens, dass aus Machtgründen die korrekte Kritik mit der inkorrekten vermengt werden.

Und genau das ist es, was man vorfindet, weswegen „Verschwörungstheorien“ so negativ konnotiert sind — wenn Sie ein Verschwörungstheoretiker sind, müssen sie wirre Haare haben, eine riesige Pinnwand im Keller und einen Orgonakkumulator im Hinterhof. Wie Michael Parenti darlegte, nimmt man von Menschen in Machtpositionen nicht an, dass sie sich organisieren, sich verschwören, konspirieren, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie sind zu dumm, nicht wahr? Kommt die Welt nicht einfach zufällig zustande, so wie sie sich uns darstellt? Natürlich müssen Sie, wenn Sie versuchen, die selbstsüchtigen Aktivitäten der Eliten aufzudecken und zu verbreiten, ob Sie nun recht haben oder nicht, ein Verrückter sein.

Aber letzten Endes ist das egal.

Letzten Endes — letzten Endes, sage ich — spielt es keine Rolle, ob die Rockefeller Foundation hinter HAARP steckt oder ob die globale Erwärmung ein Schwindel ist oder ob supermächtige außerirdische Dämonen aus einer anderen Dimension die Welt kontrollieren oder ob der Lockdown seit zehn Jahren vorbereitet wurde oder ob geheime Telefonate zwischen den Führungsfiguren der Welt genau in diesem Moment unser Schicksal besiegeln oder ob wir in der Matrix leben oder ob die Dystopie rein zufällig entstanden ist oder ob der ganze traurige Zustand, in dem wir uns befinden, auf das Spiel eines sadistischen Demiurgen zurückgeht oder ob es alles nur ein lächerlicher Irrtum war. Obwohl einiges davon wahrscheinlicher ist als anderes und obwohl es offensichtlich wichtig ist, etwas herauszubekommen, und obwohl diejenigen, die dazu ernsthafte investigative Arbeit leisten, ihre Zeit nicht verschwenden, sind sie alle Nebenwirkungen des Systems.

Die, denen das System gehört und die es verwalten, wissen das — zumindest unbewusst — sehr gut. Sie zögen es vor, wenn Sie ihnen keinerlei Macht zuschrieben, wenn Sie annähmen, dass das, was sie tun, in Ihrem Interesse ist, und falls nicht, es nur der altbekannte große Irrtum war — denn das gibt ihnen freie Hand. Wenn man bedenkt, dass sie solche Fehler immer wieder machen, ist es ziemlich einfach, die Leute davon zu überzeugen, dass ihnen mal wieder einer unterlaufen ist.

Aber wenn Sie das nicht glauben, sind sie ganz zufrieden, wenn Sie Blaupausen für Lord Rothschilds geheimem Bunker aufdecken — denn das lässt eine Funktionsanalyse unsinnig erscheinen. Und sie sind auch sehr zufrieden, wenn Sie tweeten und protestieren und „Auf-frischer-Tat-ertappt“-Artikel über die gegenwärtigen Machthaber schreiben — weil sie wissen, dass die gegenwärtig Mächtigen entbehrlich sind. Und sie freuen sich sicherlich, wenn Menschen wie David Icke sie kritisieren — weswegen? Glauben Sie, ein Lockdown stelle einen massiven totalitären Schub in Richtung eines endlosen dystopischen Albtraums dar? Hahaha! Das tut David Icke auch! Sie Spinner!

David Icke hat mehr dazu beigetragen, vernünftige Kritik am Weltsystem zu diskreditieren, als es irgendein konservatives Parlamentsmitglied oder Konzernmanager je tun könnte. Gäbe es ihn nicht, müssten ihn die Eliten der Welt erfinden. Jede vernünftige Sorge, die von geistig gesunden Menschen ausgedrückt wird, wird durch die Assoziation mit ihm augenblicklich diskreditiert.

Nehmen Sie 5G. Okay, David, es zerstört unser Immunsystem, implantiert Gedankenkontrollwürmer in unsere Hirnanhangdrüse und zerstört unsere Hoden mit Gammastrahlung. Was auch immer. Äußern Sie einen gänzlich realistischen Zweifel darüber — dass 5G eine Technologie ist, um die niemand gebeten hat, die niemand braucht, die nichts anderes tut, als die Macht von Staat und Konzernen zu steigern und die — vorausgesetzt, es handelt sich um eine extrem mächtige neue Technologie — desaströse und unerwartete Nebenwirkungen auf Mensch und Natur haben wird. Weisen Sie darauf hin … und hahaha! David Icke sagt dasselbe! Sie impf- und wissenschaftsfeindlicher, irrationaler, scheißesoterischer Verschwörungstheoretiker, Sie!

Reichweite und Popularität von David Icke haben in gewissem Maße „dem gegenwärtigen Kampf geholfen“, und vielleicht gibt es eine Rechtfertigung für „jeden rettenden Hafen im Sturm“, aber hier ist eine Verschwörungstheorie für Sie: Warum hatte er drei Tage lang auf Twitter einen Höhenflug? Warum hat man ihn eingeladen, auf der Kundgebung gegen Lockdowns in London zu sprechen? Warum wurde über den Umstand, dass sein YouTube-Kanal geschlossen wurde, überall in den Mainstream-Nachrichten berichtet?

Wie bei allen Verschwörungstheorien spielt es letztlich keine Rolle, ob sie wahr ist oder nicht, denn das System lässt automatisch und unbewusst Intellektuelle, die oberflächlich plausibel (2) klingen, aber grundsätzlich lächerlich sind, oder deren Arbeit voller irrelevanter Spekulationen steckt, ohnehin ins Rampenlicht treten; aus demselben Grund, aus dem erstens so viele Menschen Fakten teilen, die ihre Argumentation stützen, ohne sie vorher zu prüfen oder zumindest, ohne, wie ich es tue, den Vorbehalt zu äußern — weil ich keine Zeit habe, sie alle zu überprüfen —, dass Fakten immer in Zweifel zu ziehen sind, und zweitens, aus dem wir alle offensichtliche Idioten heraussuchen, die Ansichten vertreten, denen wir widersprechen.

Sie glauben, die industrielle Technologie habe autonome Macht über die Erde? Hahaha! Das tut auch Ted Kaczynski! Sie erkennen einen sinnvollen Ansatz in Jesus von Nazareth? Das tut auch Jordan Peterson! Sie glauben, die Coronastatistiken seien aufgebläht worden? Hahaha! Das tut auch Jair Bolsonaro! Und so weiter. Kontaktschuld wird das genannt. Eliten sind sehr zufrieden, wenn Ted Kaczynski, Jordan Peterson und Jair Bolsonaro Sendezeit bekommen, wenn man sie als Witzfiguren bewirbt, denn sie sind im besten Fall harmlos und in dem Maße, in dem man sie verlachen und verunglimpfen kann, regelrecht nützlich. Sie wünschen, dass wahrheitsliebende Clowns wie David Icke im Scheinwerferlicht stehen (3).

Was sie nicht wollen, ist, dass Sie erstens — und in diesem speziellen Fall — die Art und die Realität des Lockdowns infrage stellen. Nicht, warum er stattgefunden hat, sondern, was er eigentlich ist und was dagegen getan werden kann. Noch einmal: Letzten Endes ist es egal, warum. Sich in ein Warum hineinziehen zu lassen, lenkt von der elementarsten Tatsache ab, dass er sinnlos und falsch war, und — selbst wenn sich herausstellen sollte, dass dies ein Irrtum ist und ich der Depp bin (und ich kann Ihnen versichern, dass ich in der Vergangenheit schon einige Male der Depp war) — dass es zumindest am Anfang, während der vergangenen sechs Monate und jetzt hätte hinterfragt werden müssen.

Stellen Sie sich vor, ein Mann liefe in Ihrer Stadt herum und sperrt Kinder ein. Was wäre dann das Wichtigste, das zu tun wäre? Herausfinden, warum er es tut? Theorien über seine innere Einstellung, seine Erziehung, seine Motivation verbreiten? Oder ihn stoppen? Nun, seit sechs Monaten läuft jemand durch die Stadt, der genau das tut — die Regierung (4).

Zweitens wollen sie nicht, dass Sie — und ich spreche erneut metaphorisch, denn man kann sich nicht bewusst sein, Bewusstheit unterdrücken zu wollen — sich die Natur und die Wirklichkeit des zivilisierten Systems sowie das Ego vergegenwärtigen, das es erbaut und aufrechterhält, das automatisch die Natur unterjocht, das Qualität zerstört und Leben in Kontrollsysteme zwingt, wobei es Feinde generiert (menschlich und biologisch), um sein Wachstum zu rechtfertigen. Wirklich radikale Kritik am System ist so weit unter dem Radar, dass sie sie kaum wahrgenommen werden, jedenfalls nicht genug, um sie (noch) zu zensieren und zu diskreditieren. Aber das und nur das kann einen Unterschied machen, kann die Natur und Zielrichtung des Systems – das sich vor unseren Augen manifestieren – und zeigen, was eigentlich dagegen zu tun ist.

Es fehlt hier an Raum, der wahren Natur unserer Übel, der wahren Natur des Systems oder der wahren Natur der Lösung gerecht zu werden, die alle weit, weit tiefer gehen, als ich das hier auch nur andeuten kann. Der Punkt ist, dass die chinesische Regierung, Bill Gates, das Weltwirtschaftsforum, die Illuminaten und „die herrschende Klasse“ es nicht sind. Sie stellen isolierte Nebenwirkungen des Systems dar, wie 5G und der Tod der Kultur und Billy Regale und Kanye West und Wettmaschinen mit festem Einsatz und Nando’s und Fortnite und „die Jugend von heute“ und die Insektenapokalypse.

Doch erneut liegt ein gewisser Wert darin, über den unbewussten Symbolismus der Masken zu spekulieren, die freundschaftlichen Hinterzimmergeschäfte der Herren des Universums auszugraben, die Aktivität ihrer Neuen Weltordnung zu erforschen, ihre dystopische Hegemonie zu attackieren und Pläne zu schmieden, wie dem zu begegnen sei, was sie noch für uns in der Hinterhand haben. Aber egal wie nützlich diese Untersuchungen auch sein mögen, sie sind nicht, wie Verschwörungstheoretiker so gerne glauben, „das große Ganze“.

Das große Ganze ist größer.

Fazit

Und so weiß ich nicht, warum all dies geschehen ist, und an dem Warum bin ich auch nicht besonders interessiert. Mein Interesse daran, über die Motive von Weltregierungen und Akteuren der Eliten zu spekulieren, geht gegen null und ich bin kein Experte für Epidemiologie oder Virologie.

Das Einzige, wofür ich mich interessiere — und wofür ich mich seit März interessiert habe —, ist, dass es den Lockdown gab, dass es ihn immer noch gibt und dass er hätte infrage gestellt oder gestoppt werden müssen.

Ich stelle keine Verschwörungstheorien auf, ich leugne nicht, dass es eine Krankheit gab, die Menschen getötet hat, und ich sage nicht, dass nichts hätte getan werden sollen — die Vorsorge für alte Menschen zu verbessern und Empfehlungen für die öffentliche Gesundheit auszusprechen, in Anlehnung an das Vorgehen der schwedischen Regierung, erscheint mir vernünftig.

Alles, was ich weiß, klar ist nur: Diese Krankheit hat etwa dieselbe Zahl an Menschen getötet wie eine schwere Grippe (und ist nicht vergleichbar mit denen von Lungenentzündung, Tuberkulose, Herzerkrankungen und Krebs, die große Mehrheit der Verstorbenen waren über 60-Jährige mit ernsthaften Gesundheitsproblemen und die Diagnose war und wird schlimmer sein als die Krankheit selbst. Alles andere — trotz gegenteiliger Kritik — ist zweitrangig.

Mir wurde suggeriert, ich „fiele den Rechten in die Hände“, wenn ich den Lockdown angreife, oder „Har, har, Donald stimmt dir zu“ (5). Insgesamt war es ebenso unerfreulich, dass „Keep Britain Free“-Leute eine Flagge für mich schwenken. Aber ich habe, wie ich in einem vorherigen Artikel betonte, genauso viel Interesse daran, die „Wirtschaft wieder zu öffnen“ oder die „Kinder wieder in die Schule zu beringen“ wie daran, die diabolischen Pläne der Illuminaten aufzudecken: nämlich null — aus Gründen, die für jeden, der meine Ausführungen gelesen hat, absolut klar sein sollten.

Wir haben einfach eine Dystopie im Stile Huxleys in eine im Orwell‘schen Stil mit kafkaesken und phil-dickschen Akzenten ausgetauscht. Wogegen ich mich wende, ist nicht die Schließung der Schulen, Büros, Fabriken, Krankenhäuser, Gerichte und Rennbahnen – die allesamt Gründe zum Feiern wären (mein bürofreies Leben war herrlich). Was ich beanstande oder was ich zumindest anmahne, ist, dass das, wodurch sie ersetzt wurden, a) weit schlimmer ist, b) dass das Ganze, so weit ich das sehe, nicht aus guten Gründen getan wurde und c) ohne die geringste kritische Prüfung seitens der Linken.


Darren Allen ist ein 46 Jahre Autor, Künstler, Aktivist, Philosoph und Medienschaffenden aus Südengland. Er ist weit gereist, hat in Japan, Spanien, Russland, dem Nahen Osten und England gelebt und arbeitet als Fachautor, Englischlehrer, Lehrbuchdesigner, Pferdepfleger, illegaler Priester und Verkäufer von Schrumpfköpfen; obwohl er sich lieber auf exquisites Wohlergehen als auf bezahlte Arbeit verlässt. Zudem veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf seiner Website.

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Against Conspiracy Theories“. Er wurde von Thorsten Schewe vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratteam lektoriert.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Vergleichen Sie hier die Übersicht.
(2) Sie müssen ein gewisses Maß an Intelligenz haben, andernfalls werden sich die Menschen nicht dafür interessieren.
(3) Ich stehe nun auf David Ickes Website. Er hat meinen Artikel über die Lockdown-Linke nachgedruckt, wobei anscheinend der Teil fehlt, in dem ich die Archonen verspottet habe.
(4) Tatsächlich war es ein psychologischer Segen für viele, nicht durch den Entfremdungshorror von Schule und Beruf gehen zu müssen, aber die Analogie gilt, insbesondere natürlich für arme Stadtbewohner.
(5) Anmerkung des Übersetzers: Anspielung auf die „Trumpster-Zitate“; Tweets des US-Präsidenten Donald Trump, vorgelesen in Jokermanier von Mark Hamill, der Synchronstimme des ikonischen Batman-Antagonisten Joker in den US-Animationsfilmfassungen der Comic-Saga.

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