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Verordnete Gesichtslähmung

Die Corona-Maske ist ein Symbol dafür, dass wir uns Schritt für Schritt von unseren Emotionen entfernen.

von Nicolas Riedl

Schluss mit lustig. Auch Vergnügungen sind heutzutage harte Arbeit, muss man wegen der Maskenpflicht doch permanent gegen ein aufkommendes Missvergnügen ankämpfen. Ein ausdrucksloser oder nur minder begeisterter Gesichtsausdruck ist selbst in Situationen keine Seltenheit, die sonst „Fun“ versprechen — im Freizeitpark etwa. Derartige Vergnügungen dienen mehr denn je der Kompensation einer inneren Leere. In der Corona-Krise tritt dieses krankhafte seelische Phänomen noch deutlicher an die Oberfläche, während es in der alten Normalität wie eine Wasserleiche knapp unter der Oberfläche trieb. An warmen Tagen können wir Menschen beobachten, deren Bekleidung eine hybride Mischung aus sommerlichen Freizeitklamotten und Intensivstation-Besucherausstattung darstellt. Die Maske fungiert dabei als materielle Erweiterung des ausdrucks- und lustlosen Gesichtsausdrucks eines Menschen auf der — vergeblichen — Suche nach Glück, Erfüllung und Sinnlichkeit.

Sie werden als Leser oder Leserin unter dem Titelbild einen Hinweis finden, wie viele Leseminuten dieser Artikel ungefähr in Anspruch nimmt. Packen Sie mal noch zwei bis drei Minuten oben drauf und begutachten Sie das nachfolgende Bild ganz genau und eindringlich. Blicken Sie in jedes Gesicht; versuchen Sie, es zu lesen. Sammeln Sie die Gedanken, Eindrücke, Assoziationen und Verknüpfungen mit Ihrem Wissen und Ihren Emotionen, die Ihnen hierzu einfallen.

Bild

Bildquelle: © Europapark

Beschreiben wir doch zunächst einmal, was wir auf diesem Bild sehen. Wir sehen eine Achterbahn in einem Freizeitpark. Pro Reihe sitzt nur ein junger Mensch ganz alleine, das Gesicht maskiert. Allesamt warten sie darauf, von dieser Achterbahn für wenige Minuten auf eine kreisrund laufende Strecke mitgenommen zu werden, auf der sie für kurze Augenblicke außergewöhnliche G-Kräfte erleben können. Blicken Sie in die Gesichter der Fahrgäste. Sehen diese besonders vergnügt aus? Glücklich, freudig? Können Sie das überhaupt erkennen, wo doch zwei Drittel dieser Gesichter verdeckt sind?

Und warum fahren wir überhaupt Achterbahn? Gehen wir doch mal dieser Frage nach, bevor wir uns Achterbahnfahrten in Zeiten von Corona ansehen. Was veranlasst uns dazu, einen Geldbetrag auf den Tresen zu legen, um dann ewig lange wie Vieh im Stall zusammengepfercht dazustehen, darauf wartend, für ein kurzes, repetitives Happening abgerichtet zu werden, bei dem wir uns für wenige Minuten in ein Gefährt setzen, welches uns sicher und unbeschadet für einen kurzen Augenblick außergewöhnlichen G-Kräften aussetzt? Warum verspüren viele Menschen das Bedürfnis danach?

Das Bedürfnis nach einer Art Simulation einer gefährlichen Situation, dieses Kribbeln in der Magengegend, wenn der Wagen in Richtung Erdboden rauscht, um uns anschließend bei der nächsten Steigung mit aller Gewalt in den Sitz zu drücken? Was löst dieses Verlangen danach in uns aus? Ist es die Tristesse des Alltags, dem ereignislosen Dasein zwischen dem Verrichten des Haushalts und den Verpflichtungen aus Schule, Uni, Arbeit? Der uns permanent umgebende Dunst der Sinnlosigkeit? Die Kaskade aus langweiligen Situationen, in der sich die nachfolgende Situation bestens darum bemüht, die vorherige in ihrer Zähe zu übertrumpfen? Ist dann die Fahrt mit der Achterbahn ein kurzer Ausbrecher, ein kurzes Hinausgerissenwerden aus dem emotionalen Sumpf der innerlich empfundenen, omnipräsenten Dumpfheit der gelähmten Gefühlsregungen? Wie sonst ließe sich das erklären?

Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass selbst Menschen, die innerlich in ihrer Mitte sind, eine tiefe Glückseligkeit empfinden und trotzdem das Bedürfnis verspüren, ein solches Fahrgeschäft zu betreten, welches jedoch nur eine Ergänzung zu ihrem gefestigten Wohlbefinden darstellt.

Verstummtes Lachen

Der Sommer 2020 — so er denn hoffentlich der letzte sogenannte Sommer dieser Art bleibt — war dadurch gekennzeichnet, dass sich die Menschen mit verhülltem Gesicht zu Freizeitaktivitäten aufmachten. Maskiert zum Badestrand, maskiert auf dem Skateboard und maskiert in Freizeitparks, genau genommen in Fahrgeschäften. Erleben diese Menschen, erleben wir dabei nicht eine massive Dissonanz zwischen dem, was wir tun, und dem, wie wir es tun? Eine Maske zu tragen, kannte man davor allenfalls von einem Besuch im Krankenhaus, und selbst dort war das keinesfalls die Regel. Doch steht die Maske unverkennbar als Zeichen, als Repräsentant ganz explizit für das eine: die Möglichkeit, krank zu werden oder andere krank zu machen.

Mit einem Bekleidungsstück, welches direkt mit Krankheit assoziiert wird, unternehmen wir Aktivitäten, die ihrer Natur oder zumindest der Intention nach Fröhlichkeit und Lebendigkeit hervorbringen sollen, doch die Maske führt das Ganze ad absurdum. Die belastende Faktenlage, die dem tatsächlichen Nutzen dieser Maske ein miserables Zeugnis ausstellt, wurde schon allzu häufig thematisiert. Doch statt sich gesellschaftlich damit auseinanderzusetzen, ob das gesamtgesellschaftliche Maskentragen überhaupt medizinisch Sinn ergibt — ganz zu schweigen von den massiven Risiken, die damit einhergehen —, wird stattdessen mit Vehemenz und einem wirklich schon mehr als nur absurden Aufwand versucht, das Maskentragen irgendwie attraktiv und zu einem integralen Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders werden zu lassen.

Ob nun im englischen oder deutschen Sprachraum, es wird von „Gute-Laune-Masken“ oder „Happy-Masks“ gesprochen, was an und für sich ein Oxymoron ist.

Genauso wenig, wie es eine „Gute-Laune-Maske“ geben kann, kann es auch eine Sport-Krücke, ein Sport-Ballkleid, einen Sprech-Knebel, einen Taucher-Schwimmflügel, einen Massage-Knüppel, eine Yoga-Handschelle und eine Glatzen-Haarbürste geben.

Das eine schließt das jeweils andere aus. Bei der guten Laune und der Maske würde der Kölner nun reflexartig widersprechen, doch unterscheidet das Faschings-Maskentragen am Karneval sich vom gesellschaftlichen Maskenzwang dahingehend, dass das Maskentragen temporär und freiwillig erfolgt und kein nennenswerter Zwang besteht, sofern man damit leben kann, als Faschingsmuffel angesehen zu werden.

Doch existiert dieser Widerspruch erst seit der Pflicht, das eigene Gesicht zu verhüllen? Oder ist dies nur eine weitere Form des gesellschaftlichen Brandbeschleunigers durch Corona? Trugen wir nicht bereits zuvor schon Masken in dem Sinne, dass wir mit unserer Mimik ein falsches Abbild unseres Gemütszustandes erzeugten, um gesellschaftlichen Normen zu entsprechen? Beim Ausüben der Freizeitaktivitäten, die es in einer Gesellschaft, die sich zu Tode vergnügt, bis zum Erbrechen gibt, kommt es doch zumindest schräg, seinen echten Emotionen freien Lauf zu lassen oder zumindest zu erkennen zu geben, dass das jeweilige Vergnügen einem selber keine große Lust bereitet. Gute Miene zum bösen Spiel zu machen, lautet die Devise.

Erkennen wir also erst jetzt, während wir im Wortsinn Masken tragen, unser permanentes Maskiertsein?

Schon im 18. Jahrhundert, also lange vor Corona, schrieb Jean-Jacques Rousseau: „Bisher habe ich viele Masken gesehen; wann werde ich menschliche Gesichter sehen?“

Treiben wir mit der Maskenpflicht den zuvor schon existenten Maskenball auf die Spitze? Treten wir aus der ersten Dimension in die zweite Dimension der Maskerade? In der ersten Dimension haben wir uns ein falsches Lächeln als Maske aufgesetzt. In der zweiten Dimension setzen wir eine Stoffmaske auf unser Gesicht, wodurch nicht mehr unterscheidbar ist, ob wir in der ersten Maskendimension eine Maske tragen oder nicht. Und als ob die zweite Maskendimension nicht schon bizarr genug wäre, betreten wir sogar noch eine dritte Maskendimension, indem wir die Maske nach individuellem Belieben wie ein Mode-Accessoire gestalten oder gar mit einem Lächeln bemalen und damit letztlich in unserem individuellen, emotionalen Wesen vollends verdeckt sind – unter einer Maske der eigenen Mimik, der Stoffmaske, und dem Aufdruck der Stoffmaske.

So gesehen weckt es Assoziationen mit düsteren Sci-Fi-Dystopien, wenn wir Menschen beobachten, die mit einer Maske in der Achterbahn sitzen, um einen kurzen Moment der Freiheit zu spüren, auch wenn die frische Luft die untere Gesichtshälfte nicht erreichen wird. So dermaßen zugerichtete Menschen, die gesichtslos und fast schon leblos durch die Welt trotten, um sich bei solch kurzweiligen Vergnügen einen Stimulus abzuholen, während der Rest ihres Daseins vermutlich von Leere und Ödnis geprägt ist.

Wollen wir das? Wollen wir zulassen, dass die untere, „nackte“ Gesichtshälfte zu etwas Obszönem wird, einer Art zweitem Schambereich, den es unbedingt zu verdecken gilt?

Ist das Gesicht zu zeigen, also das Zeigen des zentralen Bereichs unseres seelischen Ausdrucksvermögens, etwas, dessen wir uns schämen müssen? Wollen wir den gesellschaftlichen Zustand, in dem unsere echten Emotionen nur bedingt toleriert wurden, nun soweit auf die Spitze treiben, dass wir nicht einmal mehr unsere falschen Emotionen zeigen dürfen? Wollen wir uns nur noch so durch die Welt bewegen, als lägen wir mit einem Bein bereits im Intensivbett oder gar im Sarg?

Wenn wir das alles nicht wollen, sollten wir uns vor Augen führen, was wir wollen. Wollen wir nicht vielmehr eine Welt, in der die Menschen im doppelten Sinne unmaskiert durch die Welt gehen und dabei in ihrem Sein authentisch sind? Und wollen wir nicht eine Welt, in der die Achterbahnen durch unser Inneres verlaufen? In dem Sinne, dass wir Höhen und Tiefen in uns selbst fühlen, diese wahrnehmen und annehmen, statt einer Stimulation im Außen zu bedürfen? Und wenn wir das wollen, dann gilt, was für die Achterbahn gilt, auch für die zahlreichen anderen Bereiche des freudlosen Vergnügens.

Zum exakten Ort und Zeitpunkt dieser Niederschrift hätte hier in München das Oktoberfest starten sollen. Doch die Münchner Theresienwiese steht dieses Jahr leer. Keine Bierzelte, keine Buden, keine Fahrgeschäfte. Wir bleiben verschont von Bildern, auf denen Wiesn-Besucher mit Trachtenmaske, also einer Maske, die zu Dirndl und Lederhosen passt, durch München bummeln. Ein Hot-Spot des freudlosen Vergnügens fällt dieses Jahr flach, und wer dennoch nicht auf diesen verzichten möchte, muss diesjährig nach China reisen.

Es ist in diesem Kontext interessant, zu beobachten, wie die Münchner auf diese Ausnahmesituation reagieren. Statt in Frust auszuarten, finden in der ganzen Stadt kleine Oktoberfeste statt, bei denen sich eine kleine Anzahl von Menschen zusammenfindet und mal wirklich in jener Art und Weise beisammensitzt, wie es sonst immer beim „Prosit der Gmütlichkeit“ proklamiert wird. Statt für einen Liter Bier mehr als einen gewöhnlichen Stundenlohn auf die Theke zu legen, sich von Fahrgeschäften die letzte Maß Bier aus dem Magen pumpen zu lassen und stets darauf bedacht sein zu müssen, dass man diesen gesellschaftlich anerkannten Drogen-Exzess ohne Pöbelei und sexuelle Belästigung übersteht, besinnen sich die Münchner — so scheint‘s — auf das Wesentliche: das gesellige Beisammensein mit den eigenen Leuten, ohne den ganzen Firlefanz und ohne dass man sich mit hunderttausend unbekannten Anderen an einem Biertisch zusammenzwängt.

Die nackte Theresienwiese im September dieses Jahres steht symbolisch für eine kollektive Lücke, die sonst zu dieser Jahreszeit immer zu füllen versucht wird. Doch 2020 geschieht dies nicht. Die Wiesen-Besucher werden gewissermaßen auf sich selbst zurückgeworfen. Die leerstehende Theresienwiese finden wir nicht nur in München, sondern überall dort, wo das Vertraute, Bekannte, Alteingesessene, Sichergeglaubte erodiert. Dort, wo Existenzen zunichte gehen, Arbeitsplätze verschwinden, mittelständische Betriebe im Sumpf der Insolvenz verschwinden und im Widerstreit um die Corona-Politik Freundschaften zerbrechen.

Für viele kann diese Leere das Ende bedeuten. Das soll hier keinesfalls schöngefärbt werden! Doch für all jene, die nun mit dieser Leere konfrontiert werden, die allerdings die Kraft und die Reserve haben, in dieser Leere etwas Neues zu konstruieren, für diese ist nun die Zeit gekommen. Die Zeit, jetzt hier in der Gegenwart zu experimentieren, Versuche zu starten, die auch scheitern können. Die Zeit, im Heute aktiv zu werden, mit einem klaren Bild vor Augen, was wir wollen und was wir nicht wollen, ohne dass man sich dabei auf die ideologisch-konzeptionelle Schablone irgendeines „Ismus“ versteift.

Die maskierten Achterbahnfahrer performen ungewollt eine Rolle als Mahner, als Gestalt eines neuen stummen Schreis einer ganzen Generation, die indirekt nach einem Ende dieser unmenschlichen Verhältnisse lechzt sowie danach, endlich etwas Echtes, Wahrhaftiges in ihrem Leben zu finden. Die Fahrt mit der Achterbahn symbolisiert und impliziert den Wunsch nach Freiheit, nach Fliegen, doch verbleibt wie alle anderen Surrogate, die im falschen Leben das richtige Leben imitieren, nur eine Illusion. Die Achterbahn verlässt nie die Strecke ihrer Geleise und endet auch immer wieder am gleichen Ausgangspunkt.

Theodor W. Adorno vertrat die Ansicht, es gäbe kein richtiges Leben im falschen. Die tragenden Säulen des falschen Lebens kollabieren zusehends und an die Stelle des falschen Lebens tritt ein Leben, welches seinen ursprünglichen Charakter negiert, das Lebendige aus dem Leben tilgt. Die biopolitischen Pläne einer „schönen, neuen Normalität“, in welcher der Mensch sukzessive mit der weltumspannenden digitalen Technologie verknüpft und zudem genetisch modifiziert wird, liegen bereits in den Schubladen. Wir stehen jetzt in den 2020er Jahren an der Wegscheide, an der wir es allesamt vermögen, das Ruder so herumzureißen, dass wir diese Dystopie abwenden und als Menschen lernen, ein Leben zu führen, welches diesen Namen auch verdient und in dem an die Stelle von leerem Vergnügen die wahre, echte Lust tritt.


Nicolas Riedl, Jahrgang 1993, ist Student der Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen. Er lernte fast jede Schulform des deutschen Bildungssystems von innen kennen und während einer kaufmännischen Ausbildung ebenso die zwischenmenschliche Kälte der Arbeitswelt. Die Medien- und Ukrainekrise 2014 war eine Zäsur für seine Weltanschauung und -wahrnehmung. Seither beschäftigt er sich eingehend und selbstkritisch mit politischen, sozio-ökonomischen, ökologischen sowie psychologischen Themen und fand durch den Rubikon zu seiner Leidenschaft des Schreibens zurück. Soweit es seine technischen Fertigkeiten zulassen, produziert er Filme und Musikvideos. Er ist Mitglied der Rubikon-Jugendredaktion und schreibt für die Kolumne „Junge Federn“.

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