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Widerstand als Lebensform

Der dringend gebotene gesellschaftliche Protest benötigt, um nachhaltig zu sein, sowohl Visionen als auch eine starke Gemeinschaft mit Ausdauer und Mut zu Subversion.

von Roland Rottenfußer

In Deutschland dümpelt der längst überfällige Massenprotest gegen die angemaßte neoliberale Plutokratie vor sich hin. Corona hat zwar viele aufgeweckt, aber längst nicht genug, um ein System zu kippen, das schon lange in die verkehrte Richtung läuft. Vermutlich fehlt vielen schlicht die Fähigkeit, sich eine bessere Welt vorzustellen. Ein Grund für die Kapitulation der schöpferischen Fantasie vor der „Realpolitik“ ist das zu Unrecht schlechte Image von Visionen. Es reicht nicht aus, wenn man aus Protest gegen die neoliberal dominierte Weltordnung einmal zu einer Demo geht und sich dann darüber beklagt, dass die Mächtigen nicht sofort ehrfürchtig zusammenzucken. Wir brauchen Widerstandsformen, die längerfristig durchzuhalten und in das Alltagsleben des Einzelnen integrierbar sind. Politisch aktive „Gemeinden“, die den ganzen Menschen in all seinen Lebensaspekten sozial unterstützen, könnten ein Lösungsansatz sein.

Politiker — so könnte man nach Jahren zermürbender „Reformpolitik“ meinen — sind Personen, die wir dafür bezahlen, dass sie Verschlechterungen für unsere Lebenssituation ersinnen und durchsetzen. Von dem Geld, das wir ihnen geben, bezahlen wir obendrein noch den Propagandaapparat, mit dessen Hilfe uns die betreffenden Verschlechterungen als Verbesserungen — oder als schicksalhafte Notwendigkeiten — verkauft werden sollen. Im Fall der „Corona-Maßnahmen“ konnten wir diesen Effekt in drastischer Weise beobachten. Nach kurzem Aufbegehren duckt sich das Volk stets aufs Neue unter die Knute vermeintlicher ökonomischer und gesundheitlicher Sachzwänge: „Na gut, wie ihr wollt, Hauptsache, wir dürfen überhaupt noch ein bisschen leben und arbeiten.“ Natürlich — die Politiker meinen es ja nicht böse, sie können halt leider Gottes nur so viel Geld ausgeben, wie sie haben, und auf rätselhafte Weise wird das immer weniger.

Dabei wäre das Geld für die wesentlichen sozialen und ökologischen Aufgaben unserer Zeit da, es ist nur — wie so oft in der Geschichte — ungerecht verteilt. Und man lässt eben lieber breite Bevölkerungsschichten verarmen oder — wie in vielen Ländern der Dritten Welt — verrecken, bevor man sich an das geheiligte Recht auf Privateigentum (das heißt auf Erträge aus Wucherzinsen) heranwagt „Es ist genug da für jedermanns Bedürfnisse“, sagte Gandhi, „aber nicht für jedermanns Gier.“

So ist das Wort „Reform“ mittlerweile bis zum Überdruss pervertiert worden, obwohl es ursprünglich Hoffnung weckte.

Als „Reform“ definiert die Politikerkaste heute graduelle Verschlechterungen unserer Lebensqualität, die sie über uns verhängt, um den Besitzern ohnehin großer Vermögen ein weiteres unbegrenztes Vermögenswachstum zu ermöglichen.

Die „Volksvertreter“ verwandeln sich mehr und mehr in „Steuerpächter“, vergleichbar etwa der Figur des Zöllners Zachäus im Evangelium: Steuereintreiber im Dienst einer fremden, übernationalen Besatzungsmacht. Aufgabe dieser Zöllner ist es, den geordneten Transfer der von den Leistungsträgern erwirtschafteten Werte in die Hände weniger Bezieher leistungsloser „Einkommen“ zu sichern.

Was die Raubzüge des internationalen Finanzkapitals betrifft, so fehlt es mittlerweile nicht an brillanten Analysen und herzzerreißenden Elegien. Es kommt aber nicht darauf an, über die Hand, die in unsere Taschen greift, zu klagen, sondern sie zu stoppen. „Nicht das Volk sollte seine Regierung fürchten, sondern die Regierung das Volk“, heißt es im Skript des Hollywood-Films „V for Vendetta“ — geschaffen von den genialischen Wachowski-Geschwistern („Matrix“). Zum Zustand unserer gegenwärtigen politischen Landschaft empfehle ich auch meinen Artikel „Demokratie auf Abwegen“.

Aus historischer Perspektive dürfte unser Jahrzehnt als eine Epoche charakterisiert werden, in der ein Teilbereich der Gesellschaft — Pharma- und IT-Industrie sowie die Finanzwirtschaft — alle anderen Bereiche wie Kultur und soziales Leben massiv terrorisiert, ihnen ihre Gesetze, ihre Begriffe und ihre Denkweise aufoktroyiert hat. Künftige Generationen werden mit einer Mischung aus verächtlichem Lächeln und unglaubwürdigem Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen, wie wenig Widerstand wir gegen den offensichtlichen, gefährlichen Unsinn der herrschenden Ideologie geleistet haben.

Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen

Woran fehlt es uns — an Mut? An Einsicht in die Faktenlage? An Energie, um das als richtig Erkannte in die Tat umzusetzen? Sicher an all dem. Ich möchte aber noch einen anderen Punkt hervorheben, der mir wichtig erscheint:

Der Mensch braucht Visionen wie die Luft zum Atmen. Ohne Visionen erstickt er in der geistfeindlichen Enge des Realitätsprinzips.

Der Grauschleier der sogenannten Realpolitik hat sich so flächendeckend über unsere geistige Landschaft gelegt, dass wir verlernt haben, über den Ist-Zustand hinaus zu denken, zu träumen und zu wünschen. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Helmut Schmidt. Ich denke, umgekehrt wird ein Schuh draus: Wer keine Visionen mehr hat, ist nicht mehr ganz, nicht mehr heil, benötigt also Heilung.

Wozu, frage ich, sind uns die entsprechenden Gehirnareale gegeben worden, mit denen wir uns neue, in der vordergründigen Realität (noch) nicht vorhandene Welten vorstellen können? Industriell gefertigte Fluchträume wie Fantasy-Kinofilme und Videospiele zeugen noch immer von der suggestiven Kraft des noch Ungeschaffenen. Nur hat sich die Richtung dieser Kraft gedreht — nach innen. Kreative Impulse versanden auf den gesellschaftlich unfruchtbaren Mindfuck-Spielplätzen unserer privaten Fernseh- und Computerwelten.

Wir sind nicht nur latent unzufrieden, wir haben verlernt, uns auch nur vorzustellen, was uns zufriedener machen könnte. Wir haben verlernt, uns zu beklagen, wo wir uns ungerecht behandelt fühlen, aufzuschreien, wo man uns weh tut, weil jedes „Ich will mehr“ von argumentativen Keulen („Besitzstandsdenken“) niedergeknüppelt wird — ähnlich wie bei Charles Dickens Romanfigur Oliver Twist, wenn dieser im Armenhaus nach einem Schüsselchen Suppe mehr verlangt. Solange man uns gnädigerweise das Hemd lässt, schämen wir uns, dagegen zu protestieren, dass man uns den Rock stielt.

„Die Deutschen jammern zu viel“, heißt es unisono in den Brainwash-Kampagnen, mit denen Politik, Wirtschaft und gleichgeschaltete Mainstream-Medien uns überziehen. Gemeint ist natürlich: Wir sollten, anstatt zu jammern, schlucken, was uns vorgesetzt wird. Ich meine: Sogar Jammern, Sich-Beklagen kann fruchtbar sein, solange es den Beginn und nicht das Ende des Widerstands markiert. Die ganze Energie derer, die sich noch immer weigern aufzugeben, verpufft derzeit im aufreibenden Sisyphos-Kampf gegen von oben verordnete „unvermeidliche“ Verschlechterungen unserer Lebenssituation — etwa auch gegen die verordneten „Corona-Maßnahmen“, gegen die Umweltzerstörung oder den offenen Rassismus der Polizei.

Somit besteht die letzte verbleibende Vision unserer Zeit für viele offenbar in dem Wunsch, die Geschwindigkeit zu verlangsamen, in der sich Verschlechterungen vollziehen. Verständlicherweise vermag eine solchermaßen kastrierte „Vision“ nicht mehr zu motivieren, geschweige denn zu begeistern. So muss der erste Appell, der an unsere deutschen Landsleute zu richten wäre, heißen: Habt den Mut, euch eurer imaginären Kraft zu bedienen! Jede bahnbrechende Innovation ist ein ehemaliges Hirngespinst, etwas, was von den „Altvorderen“ anfangs als Ding der Unmöglichkeit verlacht worden ist.

Isolation: die große Wunde der Gesellschaft

Die Herrschenden jeder Couleur und jeder Nationalität bedienen sich einer Doppelstrategie, die zu durchschauen bereits der erste Schritt zur Wiedergewinnung der eigenen Souveränität ist: Wer herrschen will, muss a) der die Herrschaft stützenden Lüge den Anschein des Alternativlosen, Allgegenwärtigen verleihen, b) dem der Lüge intuitiv widerstrebenden Einzelnen das Gefühl vermitteln, mit seiner Wahrheit allein dazustehen — hoffnungslos isoliert und bis zur Lächerlichkeit „neben der Spur“. Darum geht es aber gerade im Prozess der Emanzipation: „neben die Spur“ zu kommen, aus den Geleisen herauszutreten, die andere für uns als vorgesehene Lebenswege entworfen haben, und uns unseren eigenen Weg zu bahnen. Vielleicht werden wir dann zu unserer Überraschung feststellen, dass wir mit unserem Einzelgängertum gar nicht so allein stehen wie vermutet.

Isolation ist die große Wunde unserer Gesellschaft. Und vielleicht wird diese Wunde ja bewusst offen gehalten — von denen, die ein Interesse daran haben, dass wir nicht zueinander finden.

Nicht umsonst sind „Zusammenrottung“ und „Meuterei“ beim Militär die schlimmsten Vergehen, die mit härtesten Strafen belegt werden. Heute leben wir in der Zeit von „Social Distancing“. Die körperliche Annäherung zwischen Menschen — eigentlich ein Grundbedürfnis — wird als Tod bringende Rücksichtslosigkeit abgekanzelt. Schon Kinder müssen mit rüder Zurechtweisung rechnen, wenn sie ihrem natürlichen Drang zu Annäherung und Gemeinschaft folgen. Selbst wenn es keine anderen negativen „Effekte“ der Angst- und Distanz-Gesellschaft gäbe — dieser wäre in hohem Maße erschreckend und müsste unseren Widerstandsgeist herausfordern.

„Social Distancing“ folgt der Logik einer schon lange bestehenden Mentalität der Machteliten. Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, sich Halt, geistige Anregung, Zugehörigkeitsgefühl und menschliche Wärme geben, sind nicht so leicht kontrollierbar und für destruktive Zwecke einzuspannen. Die isolierten Appartment-Waben unserer großstädtischen Wohnsilos — ausgestattet als Einzelzellen mit Ablenkung verheißendem Multimedia-Equipment — sind äußerer Ausdruck der Entfremdung, der Beziehungslosigkeit, an die sich so viele Singles offenbar gewöhnt haben wie Gefangene an ihre Isolationshaft. Aber die Mauern, die uns voneinander trennen, existieren nur im Geist, sie sind nicht wirklich. Wie wäre es, wenn wir beginnen würden, uns „zusammenzurotten“?

Aber wer sind „wir“ überhaupt? Gibt es überhaupt ein „Wir“, eine übergreifende Gemeinsamkeit? Wichtig ist, dass die „Szene“, die ich hier anzusprechen versuche, in sich sehr bunt, sehr divers ist. Wir haben es mit Menschen zu tun, die „links“ sozialisiert sind, mit solchen die an aufgeklärter Heimatliebe oder schlicht an mehr Freiheit interessiert sind, mit Rationalistinnen, atheistisch und agnostisch denkenden Menschen oder solchen, die sich für Spiritualität und Alternativmedizin interessieren; mit kulturell und gesellschaftlich Kreativen, Kommunarden und Mitarbeiterinnen bei ökologischen und nachhaltigen Projekten; mit Demonstrierfreudigen wie mit Menschen, die sehr zurückgezogen ihrem Anderssein Ausdruck geben; mit biophilen Blumen- und Tierfreunden wie mit genialen Technikbastlern und bingewatchenden Nerds.

Eine Verallgemeinerung ist sehr schwierig, das Gemeinsame erschließt sich am besten im Kontakt und im Gespräch, sofern dieses nicht von interessierter Stelle unterbunden wird. Sicher ist es schwierig, im öde sich dahinschleppenden „Februar“ des neoliberalen Winters an das Kommen eines Frühlings zu glauben. Und doch müsste ich mich sehr wundern, wenn nicht viele wären wie ich: nach außen oft zynisch und doch im Inneren voll verschütteter Sehnsucht danach, sich wieder für etwas begeistern zu können. Entscheidend wichtig für eine neue Aufbruchsstimmung wäre die Überwindung einer Haltung der Resignation und Depression, die sich in der Folge der 68er Bewegung eingestellt hatte, weil deren praktische Ergebnisse die Erwartungen teilweise enttäuscht haben.

Wie könnte eine — wie immer geartete — neue Bewegung aussehen? Vielleicht wäre sie sanfter, aber nachhaltiger als die 68er-Revolte. Sie würde auf einem besseren Verständnis für die notwendige Langsamkeit organischer Entwicklungsprozesse beruhen, auf einem tieferen Einblick in die innerpsychischen Voraussetzungen des eigenen Handelns und auf dem Wissen um eine geistig-psychologische Innenseite aller im Außen ablaufenden Vorgänge.

Die neue Bewegung würde nicht in erster Linie auf Verweigerung, Kampf, Widerstand gegen das als unzureichend erkannte bestehende System setzen. Sie würde somit den Effekt des „bellenden Hundes vor seinem Spiegelbild“ vermeiden, der sich über die Aggressivität seines Gegenübers wundert und sich infolgedessen immer mehr in seine eigene Wut hineinsteigert, bis er erschöpft zusammenbricht.

Stattdessen würden die „Neuen Revolutionäre“ Energie in den Aufbau positiver Gegenmodelle investieren. Der „Ausstieg“ würde zum Einstieg in die Avantgarde- und Pilotprojekte einer neuen, menschlicheren Weltordnung. Das Klagen über die Gegenwart — so sehr es sich auch mir manchmal aufdrängt — müsste verwandelt werden in Lust auf Zukunft. Diese Freude am Revoltieren und Agitieren, aber auch am Imaginieren, Planen und Ausprobieren, kann man jedoch nur schwerlich allein in sich erwecken. Man braucht dazu eine Gemeinschaft, den Austausch mit Gleich- und Ähnlichgesinnten.

„Aus Angst, Isolation und Enttäuschung lässt sich keine Zukunft gestalten“, schreibt der Autor und Ökologie-Experte Geseko von Lüpke. „Sie muss uns anziehen mit der Kraft des Eros, sie muss inspiriert sein von den inneren Visionen der Lebensqualität, des Friedens und der Liebe. Politisches Engagement für eine lebenswerte Zukunft ist wichtig, doch es braucht das innere Feuer derer, die den dringenden Wandel für die Welt schon in sich selbst entfalten.“

Geistesfamilien gründen

Eine wesentliche Idee, um die neue Bewegung voran zu bringen, ist die Gründung von „Geistesfamilien“. Blutsverwandtschaft darf in ihrer bindenden Kraft nicht unterschätzt werden. Andererseits drängt sich — wenn man nicht das seltene Glück hat, dass Vater, Mutter, Bruder und Schwester die eigenen Interessen und die eigene politische Zielsetzung teilen — das Gefühl auf, dass Blutsverwandtschaft allein nicht genügt. Die sogenannte „Generation Greta“ hat sich in jüngerer Zeit zwar teilweise recht mutig und frech gezeigt; aber auch diese Welle ist in Zeiten der Corona-Alternativlosigkeit abgeebbt. Ein Familienfest ist nicht automatisch der Ort, wo man sich mit jenen Ideen verstanden fühlt, für die man brennt.

„Geistesfamilien“ könnten sozusagen eine dritte Stufe der Evolution menschlicher Organisationsformen markieren. Von der auf Blutsverwandtschaft basierenden „Sippe“, über das Zwischenstadium größtmöglicher individualistischer Vereinzelung und Bindungslosigkeit (wie es in vielen großstädtischen Existenzen der Gegenwart sichtbar wird), hin zum Aufbau frei gewählter, auf geistiger, emotionaler und ideeller Verwandtschaft basierender Gemeinschaften.

Vielleicht hat der mit wenigen Ausnahmen noch immer mangelnde Zulauf bei Demonstrationen auch mit ganz banalen psychologischen Faktoren zu tun. Ich selbst fühle mich, wenn ich allein zu Protestveranstaltungen gehe, zum Beispiel häufig isoliert — mitten im Pulk der „Gleichgesinnten“. Dieses Gefühl der Isoliertheit hilft natürlich vor allem dem „Gegner“, etwa den Teilnehmern der jährlichen „Münchner Sicherheitskonferenz“, die sich in dem Gefühl wiegen können, dass gegen ihre vielfach destruktiven und schäbigen politischen Entscheidungen nicht gerade ein Volksaufstand im Gange ist. Der Strom der Protestierenden gleicht — gemessen an der Bedeutung der Sache, um die es geht — oft eher einem Rinnsal. Wir müssen uns also Gedanken über engere, menschlich befriedigendere Formen des Zusammenschlusses machen — und zwar nicht nur aus Gründen größerer menschlicher „Behaglichkeit“, sondern auch um der politischen Ziele willen, um die es geht.

Grundsätzlich kann man drei Organisationsformen unterscheiden: Gemeinschaft (Kommune), Gemeinde und Netzwerk. Hinzukommen als viertes lockere, eher „themenzentrierte“ Aktionsbündnisse: Von großen NGOs (Non Governmental Organisations) wie attac und Greenpeace bis hin zu Bürgerinitiativen wie „Rettet die Bäume in der Werdenfelser Straße!“ Kennzeichen dieser Aktionsbündnisse ist, dass sie nicht das ganze Leben eines Menschen begleiten und ideell „umschließen“. Der Mensch wird in solchen Bündnissen — wie auch in Parteien und Vereinen — nur in einem bestimmten, begrenzten Aspekt seiner Persönlichkeit angesprochen: als Träger einer bestimmten Weltanschauung, als Befürworter der Solarenergie oder Gegner von Tierversuchen. Man klebt gemeinsam Plakate in der Fußgängerzone, fühlt sich aber in der Regel von seinen Mitstreitern nicht „getragen“, wenn man Liebeskummer hat, wenn ein Elternteil im Sterben liegt oder wenn man wegen des Leids auf der Welt mit Gott hadert. Solche Probleme tun einfach „nichts zur Sache“.

Wie entgeht man dem „Aktivisten-Burnout“?

Meines Erachtens liegt hierin ein Grund für die oft kurze Lebensdauer vieler dieser Bündnisse — beziehungsweise für die hohe personelle Fluktuation in größeren idealistischen Organisationen. Mitglieder von Aktionsbündnissen verfallen leicht in Resignation, wenn sie die Aktionsziele nicht im gewünschten Ausmaß erreichen. Nach einer Phase der Euphorie stellt sich dann leicht ein Gefühl von „Es-hat-ja-doch-keinen-Sinn“ ein. Es kann dann sein, dass die Mitgliederzahlen nach anfänglichem raschem Emporschnellen zu bröckeln beginnen. Solche Bündnisse haben auch häufig eine ausschließlich negative Motivation, zum Beispiel „gegen Rechts“, „gegen Atomkraft“. Selbst konstruktivere Formulierungen wie „für die Umwelt“ können oft nicht verdecken, dass der Kampf gegen das Bestehende den Alltag der Aktivisten prägt.

Ein dritter Punkt:

Aktionsbündnissen ist oft eine missmutige, verbissene Grundstimmung eigen. Man stellt sich opferbereit bis zur Selbstausbeutung und freudlos in den Dienst der „Sache“, wird dünnhäutig und wittert schnell mangelnde Wertschätzung und „Verrat“ durch Mitstreiter.

Nicht umsonst heißt es: Wer sich um die Gesundheit unserer Umwelt sorgt, muss sich zunächst um die der Umweltaktivisten kümmern. Immerhin zeigt sich bei Grundrechte-Demonstrationen im Zusammenhang mit Corona häufig eine heitere, entspannte Festival-Atmosphäre, gibt es Anzeichen dafür, dass diese Aktivitäten den Menschen als Ganzes anzusprechen versuchen, nicht nur politische „Köpfe“. Herzchen-Handzeichen und Meditationsminuten werden vielfach belächelt, sind aber Signale für einen ganzheitlicheren Ansatz in der politischen Arbeit.

Um die Dominanz des neoliberal-technokratischen Paradigmas in der Gesellschaft zu brechen, ist die Bildung neuer und die Verstärkung schon bestehender Widerstandszellen notwendig. Um diese erfolgreicher zu gestalten, können wir von den positiven Erfahrungen mit anderen, quasi „artfremden“ Organisationsformen wie der Kirchengemeinde lernen. Was es da zu lernen gibt, könnte man zum Beispiel so zusammenfassen: Einbindung des ganzen Menschen in allen seinen Lebensaspekten, eine über die konkrete politische Stoßrichtung hinausgehende Kultur der Gemeinsamkeit, eine nicht ausschließlich erfolgsorientierte Ausrichtung (sondern Konzentration auf das Tun), Integration freudvoller, sinnlicher Elemente wie Musik, Tanz, Bildsymbole, Essen, Trinken, Lagerfeuer und Ähnliches, eine (auch) positive Ausrichtung und die Einbettung der Einzelaktion in einen größeren ideellen Zusammenhang. Dann könnte auch wieder eine Widerstandskultur entstehen, die dem Ernst und der Tragweite der anstehenden Probleme angemessen ist, denn:

Es gibt nichts Gutes, außer man organisiert es.

Unter den Organisationsformen eines möglichen Widerstands und den alternativen Gesellschaftsmodellen ragen einige hervor, die einer näheren Betrachtung wert sind. Neben dem zielgerichteten politischen Aktionsbündnis sind dies vor allem Gemeinschaften (Kommunen), Netzwerke und Gemeinden.

Kommunen — von Liebe und Schatten

Die Gemeinschaft (Kommune) ist im Wesentlichen eine Lebensgemeinschaft Gleichgesinnter, die in räumlicher Nähe zueinander wohnen und oft auch arbeiten. Je nach Größe kann es sich um eine einzelne Wohnung, ein Haus oder um dörfliche Strukturen handeln. Gemeinschaften sind Praxiswerkstätten zur Erprobung alternativer Modelle bezüglich gelebter Spiritualität, ökologischen Wirtschaftens, des Zusammenlebens, der Entscheidungsfindung, der Liebe, Freundschaft und Kindererziehung. Manche mögen dabei an die von Rainer Langhans mitbegründete „Kommune 1“ denken, manche an die Bhagwan-Großkommune in Oregon, an Damanhur, Auroville oder das „Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ (ZEGG) mit seinen frei liebenden und zugleich politisch ambitionierten Bewohnern.

Die Bezeichnung „Experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ ist für die ganze Kommunenbewegung bezeichnend und verweist auf einen gewissen Mut, sich als ganzer Mensch in die Kreation neuer Modelle des Zusammenlebens einzulassen. Wie ausgefeilt auch immer die Ideologie der betreffenden Gemeinschaft sich anhören mag, es menschelt allenthalben beträchtlich. Die durch die Vordertür verjagte „Spießigkeit“ schleicht sich oft durch die Hintertür wieder herein. Man streitet sich über die (männlichen) Urintröpfchen auf der Klobrille, über den Grad notwendigen commitments und einzufordernder Prinzipientreue. Die nicht vegetarische Brühe wird ebenso zum Stein des Anstoßes wie das nicht energetisierte Wasser oder Drückebergertum bei der Müllentsorgung. „Rücksichtslose Chaoten“ beschweren sich über „Kontrollfreaks“ — und umgekehrt.

Die Gemeinschaft wird so im schlimmsten Fall zu einem Forum zur Lösung von Problemen, die ohne die betreffende Gemeinschaft gar nicht erst entstanden wären.

Die Dichte des Zusammenlebens verstärkt alle Gruppenprozesse wie unter einem Brennglas: Das gilt für die Herausbildung von Schattenträgern (Sündenböcken) ebenso wie für Dominanzstreitigkeiten darüber, wer von zwei Führungspersönlichkeiten die Überwindung des Egos nun mit größerer Reinheit repräsentiert. Es verwundert nicht, dass Kommunen mit dem Ende der Hippie-Ära ein bisschen aus der Mode gekommen sind und dass ein anderes, etwas abstrakteres Modell heute in aller Munde ist, in dem menschliche Unzulänglichkeit schon deshalb weniger zum Tragen kommt, weil man Menschen dabei gar nicht richtig begegnet: das Netzwerk.

Netzwerke — gute Absichten und viele Löcher

Das Netzwerk ist ein durch moderne Kommunikationsmittel zusammengehaltenes Forum zum Austausch von Ideen, Informationen und Unterstützung unter Gleichgesinnten. Das Netzwerk ist im Gegensatz zur Kommune nicht-lokal, das heißt nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Netzwerk-Zugehörige können in der benachbarten Großstadt wohnen, in der Toskana oder in New York. Durch Internet und E-Mail können diese Menschen unterschiedlichster Herkunft in Sekundenschnelle zusammengeschaltet werden. „Anarchische“ Kommunikationswege wie Internetforum und Serienmail sind hervorragende Werkzeuge einer „sanften Verschwörung“, die sich der Kontrolle durch wie immer geartete Gegenkräfte zwar nicht ganz entziehen können, jedoch in der gegenwärtigen Phase des Demokratieabbaus noch ganz gut funktionieren.

Netzwerke sind lockere, frei lassende und zugleich integrative, das Bewusstsein weitende Organisationsformen. Sie sind demokratisch und dezentral, insofern jeder „Netzknotenpunkt“ aus seiner Sicht Teil des Ganzen ist. Netzwerke sind mit funktionierenden, authentischen Formen der Kommune, aber auch der biologischen Familie grundsätzlich vereinbar. Sie bilden ein Gegengewicht zum „Um-sich-selbst-Kreisen“ und „Im-eigenen-Saft-Schwimmen“, das in Kleinfamilien und lokalen Gemeinschaften oft zu beobachten ist.

Kritiker merken allerdings an, dass Netzwerke hauptsächlich aus Löchern bestehen. Häufig bleiben sie blutleer und abstrakt, Geist ohne Fleisch. Während in der Paarbeziehung die zwei Menschen (fast) alles übereinander wissen, wissen Netzwerker (fast) nichts über eine potenziell unbegrenzte Menge von Menschen. Ähnlich wie das wolkige Gebiet der Kommunikationswissenschaft stellt das Netzwerk nicht Inhalt und Substanz in den Vordergrund, sondern die Art und Weise, wie die Beteiligten untereinander verbunden sind. Konkret sind Netzwerke oft schon bald nach ihrer Gründung davon bedroht, „einzuschlafen“, weil niemand so richtig weiß, worum es eigentlich geht. Netzwerke machen meistens keinen Spaß, es sei denn, sie entwickeln „sinnliche“ Begegnungsformen und Rituale.

Gemeinden — persönlich, aber nicht zu eng

Nachdem ich nun Gemeinschaft und Netzwerk — vielleicht auch etwas zugespitzt und verallgemeinernd — einer kritischen Betrachtung unterzogen habe, wird vielleicht deutlich, warum ich in der Gemeinde die Organisationsform mit dem größten Potenzial sehe. Sie liegt, was den geografischen Raum betrifft, auf dem sie sich entfaltet, zwischen Gemeinschaft und Netzwerk, irgendwo zwischen einem renovierten Bauernhof auf dem Land und der weltumspannenden „Global Community“.

Gemeinden werden in der Regel das Einzugsgebiet einer mittelgroßen bis großen Stadt oder eines Landkreises umfassen. Vom Netzwerk unterscheidet sich die Gemeinde also im Wesentlichen dadurch, dass sie persönlichen Kontakt in geografischer Nähe ermöglicht. Von der Kommune unterscheidet sie sich dadurch, dass die Gemeindemitglieder in verschiedenen Haushalten, verstreut über das ganze Einzugsgebiet und auch — das ist wichtig! — vermischt mit Nicht-Mitgliedern wohnen. Sektiererische Tendenzen, die Dämonisierung von „Ungläubigen“ und mangelnde geistige Frischluftzufuhr werden dadurch schon von vornherein ausgeschlossen.

Man könnte die Existenzform einer politisch, zum Beispiel durch Kapitalismus- und Coronakritik, motivierten „Gemeinde“ in einem mehrheitlich neoliberal geprägten Umfeld vielleicht mit evangelischen Kirchengemeinden im überwiegend katholischen Bayern vergleichen. In den liberaleren und fortschrittlicheren Regionen werden sich die Angehörigen verschiedener Konfessionen nicht beargwöhnen, bekriegen oder gegenseitig zu Unpersonen erklären. Man wird in selbstverständlicher Nachbarschaft nebeneinander und miteinander leben. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass es auch zu Reibereien kommt, zumal die „alte Welt“ versuchen wird, der „neuen“ ihre Regeln aufzuzwingen. Man denke etwa in jüngerer Zeit an die Masken- und Abstandpflicht.

Gemeinden sollen Kraft-Tankstellen sein, keine Fluchträume vor der harten Wirklichkeit. Man erholt sich im Austausch mit Ähnlich-Gesinnten, um nicht ständig dem Kraftverlust durch Reibung an völlig andersartigen, „absurden“ Meinungen ausgesetzt zu sein.

Dann geht man aber mit der gesammelten Kraft und dem gefüllten Köcher voll argumentativer Pfeile nach draußen und tritt für seine Überzeugung ein. Inselartige Gemeinschaften sind dazu weniger geeignet. Sie laufen Gefahr, sich zu verschließen — nach dem Motto: „Bei Leuten mit einem derartig niedrigen Erkenntnisniveau erübrigt sich jedes Gespräch.“

Der Begriff „Gemeinde“ steht noch immer im Geruch einer gewissen Spießigkeit, weil viele damit vielleicht anödende Kindheitserinnerungen verbinden: Kirchenkaffee mit zopfigen älteren Damen, leiernde „Herr-erbarme-Dich“-Gesänge, der Geruch von altem Holz und Staub, dudelnde, temperamentlose Orgelmusik… All das gibt es noch immer, aber selbst diese traditionellen Gemeinden haben Vorzüge, die in manchen „cooleren“ Organisationsformen komplett fehlen. Da besuchen jüngere Gemeindemitglieder Ältere in den Seniorenheimen, für verschiedene Altersgruppen gibt es „Kreise“, in denen man sich regelmäßig trifft, es gibt (wenn auch weltanschaulich festgelegte) Seelsorge durch einen „spirituellen Lehrer“, den Pfarrer, dem es ja keineswegs immer an Integrität mangelt.

Personen, die auf dem freien Markt der Eitelkeiten als zu unattraktiv, zu langsam, zu problembehaftet völlig chancenlos wären — Alte, Schrullige, Schüchterne, Einsame, Starrsinnige, Bedrückte und mit sich Hadernde — werden in intakten Gemeinden mit großer Selbstverständlichkeit integriert. Sie gehören einfach dazu, so sehr sie den „Normaleren“ unter den Gemeindemitglieder manchmal auch auf die Nerven gehen mögen. Der Film „Wie im Himmel“ zeichnet das Bild einer solchen, die verschiedensten Persönlichkeitstypen integrierenden Gemeinde mit einzigartiger, humorvoller Menschlichkeit.

Ewige Wiederkehr des Gleichen

Natürlich hat auch die traditionelle Kirchengemeinde ihre Grenzen — einmal abgesehen davon, dass nicht jeder ihre weltanschauliche Grundlage akzeptieren kann. Die Aktivitäten einer Kirchengemeinde sind einem Zyklus sich wiederholender Feierlichkeiten unterworfen und nicht zielgerichtet. Der Jahreskreis (das „Kirchenjahr“) mit seinen wiederkehrenden Festen, den Jubiläen und Heiligen-Gedenktagen prägt das Gemeindeleben und kann für Menschen, die an längerfristigen Projekten interessiert sind, als Einschränkung ihrer Kreativität empfunden werden.

Da ich von der Notwendigkeit eines organisierten Widerstands gegen den Neoliberalismus ausgegangen bin, wird klar, was gemeint ist. Es ist nicht gut, wenn die Menschen vom monotonen Rotieren des zyklischen Rades eingeschläfert werden. Die Zukunft sollte als prinzipiell offen, gestaltbar und nicht zu stark vorgeprägt durch sich wiederholende Events wahrgenommen werden. Nahe liegende, aber auch ferne, „utopische“ Ziele (etwa die Ablösung des Welt-Kapitalismus durch eine gerechtere Weltordnung) könnten die Beteiligten motivieren. Ihre Persönlichkeiten könnten mit den gestellten Aufgaben wachsen, ein Sog aus der Zukunft könnte sie erfassen und vorwärts tragen.

„Seht doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“

Der Satz von Bertolt Brecht ist ein herausragender Weckruf für alle, die meinen, dass es genügt, zu „sein“. Andererseits kann man mit Menschen, die sich freudlos ins Gut-sein-Wollen verbissen haben, auch keine gute Welt schaffen.

Widerstand als Lebensform

Einfach zu „sein“, Mensch zu bleiben, zu genießen und mit den Rhythmen der Natur zu schwingen ist eher in einer Gemeindestruktur möglich; sich zu entwickeln, zu wachsen, Ziele zu erreichen wird dagegen in entwicklungsorientierten Gemeinschaften und in politischen Aktionsbündnissen gefordert. Ohne Gemeindestrukturen führt der Widerstand leicht zu Überforderung und menschlicher Ausdörrung; ohne den Drive eines Aktionsbündnisses wird er dagegen zahnlos und stagniert auf einem niedrigen Niveau der Selbstzufriedenheit. Was ich vorschlage, ist also die Gründung von „Aktionsgemeinden“ im regionalen Rahmen — ergänzt durch überregionale Netzwerkstrukturen, deren vergleichsweise unpersönlicher Charakter nicht so stark als Defizit wahrgenommen wird, wenn man auch in persönlichere Gemeinschaften eingebunden ist.

Was ich anregen möchte, ist Widerstand als langfristige Lebensform. Gleichzeitig möchte ich vermeiden, dass der Mensch auf seine Funktion als „Widerständler“ reduziert wird. Erfahrungsgemäß haben Menschen nur eine begrenzte Kapazität an Zeit und Energie frei, um für ihre politischen Ziele einzutreten. Wird ihr Idealismus überstrapaziert, kommt es zu einem Pendelausschlag in die Gegenrichtung, zu einer Rückkehr in unpolitische Lethargie. Es kommt also darauf an, diese begrenzte Kapazität optimal zu nutzen und zu organisieren, den Widerstand beharrlich und nachhaltig zu machen und dabei den Menschen als das einzubinden, was er ist: kein wandelndes Gefäß linientreuer Meinungen und korrekter Verhaltensmuster, sondern ein Wesen, das Schwächen hat, manchmal den Mut verliert und „einknickt“, aber doch mit einer nicht klein zu kriegenden Grunddisposition zur Hoffnung und zur Lebensfreude.


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