Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Zurück zur Menschlichkeit

Um eine bessere Welt zu schaffen, müssen wir uns wieder mit der Kraft verbinden, die alles bewegt.

von Anette Hartung

Der Mensch macht die Nacht zum Tag und verbringt einen Großteil seines Lebens in künstlichen Welten. Er lässt sich treiben von Pflichten, Ängsten und all den von Medien und Werbung suggerierten Schein-Bedürfnissen. Dabei ist er oft so in einen menschengemachten Albtraum eingesponnen, dass er all das bezaubernd Schöne, das ihn umgibt, gar nicht mehr wahrnimmt. Die Natur ist andauernd in Bewegung befindliche Harmonie. Eine große Kraft durchströmt sie, die auch wir „anzapfen“ könnten, wenn wir es schaffen, uns wieder an sie anzuschließen. Der Mensch ist nur in Beziehung mit allem, was ihn umgibt, ganz Mensch. Deshalb ist die Wiedergewinnung des Natürlichen zugleich der Weg zurück zu unserer verloren gegangenen Menschlichkeit.

Wir denken zumeist nach vorne, sprechen und träumen von der Zukunft. Wir wünschen uns Veränderungen und formulieren diesen Wunsch im Hier und Jetzt. In diesem Hier und Jetzt fühlen wir uns nun wieder einmal nicht wohl. Manch einer ist sogar inzwischen deprimiert. Warum nur macht der Mensch alles so kompliziert? Es ist doch eigentlich sehr einfach:

Schließen Sie die Augen und versetzen Sie sich gedanklich in die Natur. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf einer unserer wunderschönen Nordseeinseln. Wolken ziehen in wundervollen Formationen kraftvoll am Himmel, dazwischen strahlt die Sonne auf den Strand, Licht und Schatten wechseln sich beständig ab. Der Wind braust über den Sand, fortwährend, ohne Unterlass branden Wellen auf den Sandstrand.

Schau doch einmal, du Mensch: Es ist ein Geschehen voller Kraft! Sonne, Wind und Wellen werden ohne Unterlass angetrieben. Im Sand entstehen durch Wind und Wetter feine Muster, sie wandeln sich permanent, ohne Unterlass. Unzählige Muscheln sind über den Strand verstreut, kleine Wassertiere werden sichtbar. Ich zähle nur einiges auf; es ist nur ein winziger Bruchteil des Sichtbaren und des Spürbaren. Wir nehmen zum Beispiel auch Temperatur wahr, auch sie wird kraftvoll angetrieben. Diese antreibende Kraft ist einfach da. Und diese Kraft ist überall. Es ist eine wunderbare Kraft.

Wer achtet darauf?

Der Mensch ist völlig in sich abgestumpft, er nimmt diese wundervolle antreibende Kraft schon lange nicht mehr wahr. Er ist mit sich und seinem alltäglichen Tun beschäftigt. Ein Leben lang. Was ist dieses alltägliche Tun? Es ist die Arbeit, das Umhüten des behaglichen Lebens, das Pflegen des ständigen Verbrauches, das Konsumieren von Medien et cetera. Es geht um Essen und Genießen, um das Schreiben von ach so wichtigen WhatsApps und das alltägliche Schwein, das durchs Dorf getrieben wird. Wir ärgern uns über den anderen und suchen permanent Schuldige für unsere Misere.

Die Kraft, die alles antreibt, bleibt dennoch, auch wenn der Mensch sie nicht mehr wahrnimmt. Diese Kraft ist und kann vom Menschen nicht verändert werden. Sie war gestern, sie ist heute, und sie wird morgen sein.

Wenden wir unseren Blick vom Menschen weg und betrachten die Natur. Betrachten wir einmal ein Stück Natur, das natürlich geblieben ist. Ein Stück Natur, in dem wir Menschen also nicht für Veränderung „gesorgt“ haben. Ist eine solche natürliche Natur nicht immer unglaublich wunderschön? Ja! Denn diese allumfassende antreibende Kraft arbeitet mit der Natur völlig im Einklang. Es ist ganz wundervoll einfach. Es ist ein ganz schlichter, einfacher Sachverhalt.

Kraft und Natur arbeiten im Einklang, weil sie gar nicht anders können. Sie haben im Gegensatz zu uns Menschen keinen freien Willen. Sie müssen alternativlos zusammenarbeiten, und das Ergebnis ist stets so unendlich komplex und unglaublich wunderschön.

In welchem Zustand ist unsere Gesellschaft?

Auf der einen Seite scheint es jene zu geben, die durch Regeln, Verordnungen oder versteckte Seil- und Machenschaften „Ordnung“ und „Veränderung“ erzwingen. Arbeiten sie im Einklang mit dieser wunderbaren, alles antreibenden Kraft? Oder entwickeln sie einfach irgendwelche davon völlig unabhängigen Ideen und setzen diese Ideen irgendwie um? Mit welchen Methoden werden diese Ideen umgesetzt? Gesetzgebung, mediale Manipulation, Angst und so weiter. Man kann es diesen Menschen nicht verdenken, sie sind doch nur der Meinung, dass eine solche Vorgehensweise möglich ist. Sie glauben, dass ihr Handeln im Rahmen des Machbaren und ohne Konsequenzen ist. Sie glauben, dass sie ihre Ziele erreichen können und werden.

Auf der einen Seite gibt eine enorm große Anzahl an Menschen, die jenen erstgenannten wenigen Menschen folgen. Sie folgen aus verschiedenen Gründen. Manche glauben einfach an das Gute in diesen Menschen. Andere handeln schlicht auf der Grundlage ihrer Erziehung und folgen auf dieser Grundlage mit scheinbar gutem Gewissen. Wiederum andere folgen aus persönlichen Zwängen oder um ihr beschauliches Leben zu schützen. Auch diese enorm große Anzahl an Menschen nimmt jene antreibende wundervolle Kraft nicht wahr. Auch diese enorm große Anzahl an Menschen glaubt, dass ihr Tun in Ordnung ist.

Wir Menschen arbeiten schon lange, schon seit Hunderten von Jahren, nicht mehr im Einklang mit dieser Kraft, die es dort draußen gibt. Diese Kraft ist nicht menschengemacht, das ist klar. Und sie wirkt völlig unabhängig vom Menschen. Auch das ist klar. Der Mensch hat darauf keinen Einfluss.

Die Natur dort draußen arbeitet im völligen Einklang mit dieser Kraft. Und das Ergebnis ist immer bezaubernd!

Wir Menschen arbeiten nicht im Einklang mit dieser Kraft. Wir tun das, was wir wollen. Wir tun das, was uns möglich und machbar erscheint. Ja, es ist schon machbar, aber es hat natürlich Konsequenzen. Und diese Konsequenzen sind eben das Chaos der letzten Jahrhunderte und unserer heutigen Zeit. Wir haben diesen Aspekt leider nicht mitbedacht.

Wir leben so, wie es uns gefällt. Wir verpflanzen Palmen von Süden nach Norden. Wir arbeiten in drei Schichten, sitzen am Abend lange vor dem PC und chatten, bis uns die Augen zufallen. Wir schalten elektrisches Licht ein und machen die Nacht zum Tag. Wir heiraten und lassen uns wieder scheiden, setzen unsere Kinder vor die Flimmerkiste. Wir essen das, worauf wir heute Lust haben. Wenn uns nach einem Tier gelüstet, dann kommt es sofort auf den Teller. Es liegt ja hübsch verpackt im Einkaufsregal oder in der Fleischtheke. Ich könnte Hunderte von Seiten lang weitere Dinge aufzählen.

Wann sind wir vom Weg der Menschlichkeit abgewichen?

Ja, es gibt Verführer. Aber wir machen auch alle mit. Niemand geht einfach mit gutem Beispiel voran. Aber genau darauf kommt es an! Es kommt nicht darauf an, neue Gruppen zu formen und auf andere zu warten oder neue Verordnungen und Verbote zu proklamieren. Die treibende Kraft dort draußen zeigt uns den Weg. Schaut man genau hin, dann zeigt sie auch ganz klar: Es geht hier nicht um ein „Gruppending“. Sondern es geht darum, dass jeder Einzelne, ganz alleine, beginnt. Und sich seine Menschlichkeit Stück für Stück zurückerobert. Das ist dein Weg, der dein Leben vollständig ausfüllen wird und zwangsläufig Gutes bringt.

Jetzt wundern wir uns darüber, dass nichts mehr zusammenpasst. Es wird scheinbar immer chaotischer und unmenschlicher. Darüber müssen wir uns nicht wundern. Es ist doch völlig klar, dass ein chaotischer Weg, der von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Jahrhundert zu Jahrhundert immer wieder mit menschenerdachtem Chaos gefüttert wird, auch immer chaotischer werden muss.

Warten wir nicht auf die nächste Fortsetzung!

Lasst uns jetzt beginnen, und zwar jeder für sich, ganz alleine, jeden Tag einen Schritt zu mehr Menschlichkeit. Beginnen wir endlich damit, ein großes Menschentum zu gestalten, ein Menschentum, das im Einklang mit dieser dort draußen vorhandenen antreibenden Kraft steht.

Denn so wird unser Menschentum und unser gemeinsames Sein auf dieser Erde so wunderschön, wie jede Natur uns dies an ihrem Beispiel zeigt. Wenn jeder mit Begeisterung alleine und konzentriert an sich arbeitet, dann werden wir zwangsläufig in der Summe etwas ganz Wunderbares bauen.


Anette Hartung, Jahrgang 1969, ist seit 1995 freiberuflich als Spezialistin für Kunst- und Tageslichtplanung tätig.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.


TOP AKTUELL:
Lehestener Kolumne